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Wirtschaft
Registrierkassensysteme boomen: Die Industrie freut sich, Kleinst und Kleinunternehmer sind vielfach überfordert © Jürgen Skarwan / ETRON

Roadshow Registrierkassen in der WK-Villach:

„Gehen Sie raus zu den Profis!“

Villach – An die 100 Unternehmerinnen und Unternehmer informierten sich bei der Wirtschaftskammer Roadshow in Villach über die neue Registrierkassen- und Belegerteilungspflicht. Für viele von ihnen ist gerade die Technik und der notwendige Softwareeinsatz ein Problem – die älteren Kleinst- und Klein-Unternehmer sind vielfach heillos mit der neuen Technologie überfordert. Unter ihnen auch ein kritischer Teilnehmer, der uns die Roadshow der Wirtschaftskammer wie folgt in seinem Leserbrief beschreibt …

„Vorab sei festzuhalten: Hinter dem Saal wo die Informationsveranstaltung stattfand, war eine kleine Messe für Registrierkassen-Anbieter. Hier mußte man durchgehen, wenn man aus dem Zuhörersaal wollte. Die dort platzierten Aussteller störten leider durch eigene Diskussionen, während des doch sehr interessanten Vortrages.

Nun zum Vortrag selbst: Bis spätestens 31.12.16 muss jeder Unternehmer seine lizensierte Registrierkasse bei Finanz-Online anmelden. Kassen, die bis 2015 produziert wurden, sind nicht gesetzeskonform und somit neu anzuschaffen. Am Rechnungsbon muss ein QR-Code aufgedruckt werden, welcher bei einer Kontrolle durch die Finanzpolizei aussagt: wer hat was, wann, wo und in welcher Steuerklasse verkauft. Der Unternehmer muss seinen Kunden auffordern, den Bon bis außerhalb der Geschäftsräumlichkeiten mitzuführen, damit die Finanzpolizei bei einer eventuellen Prüfung den Bon Scannen und Kontrollieren kann. Dieser „Verkauf“ am Bon muss mit dem Datenerfassungsprotokoll des Unternehmens übereinstimmen. Bei einer Stichüberprüfung des Unternehmers durch die Finanzpolizei, muss der Unternehmer diesen Beamten einen Kassenzugang verschaffen, damit der Beamte (und nur der Beamte nicht der Unternehmer selbst) dieses Datenerfassungsprotokoll auf ein Speichermedium laden kann. Das Protokoll wird dann von einem Programm im Finanzamt untersucht.

„Ab 3.000 Euro gehts los!“

Aufgrund des informativen Vortrages stellten die Zuhörer Fragen. Unter anderem ein Ein-Mann-Unternehmen: „Ich kann erst im September 2017 in Pension gehen. Mein Jahresumsatz liegt im Dreijahresdurchschnitt bei 15.500 Euro pro Jahr und damit 500 Euro über der Grenze. Der Vortragende: „Wenn Sie heuer in Pension gehen, dann brauchen Sie keine Registrierkasse. Weil Sie aber erst 2017 in Pension gehen können und ihr Umsatz über der Grenze liegt, müssen Sie sich eine anschaffen! Nehmen Sie sich Günstigste, da geht es ab Euro 3.000,- los. Die Kosten können sie im Anschaffungsjahr abschreiben. Da hinten warten einige Anbieter auf Sie, die haben sicher das Passende!“

„Habe mit dem Internet bis heute nichts zu tun …“

Eine Betreiberin eines kleinen Hotels wollte wissen: „Mein Geschäftserfolg ist wetterabhängig. Voriges Jahr habe ich schönwetterbedingt Euro 16.500,- Umsatz erzielt. 2014 waren es nur gut Euro 14.000,-. Bin ich nun registrierkassenpflichtig?“ Der Vortragende: „Ja, weil Sie über 15.000 Euro Umsatz erzielt haben!“ Daraufhin fragt die Hotelbetreiberin: „Und wenn es 2016 einen verregneten Sommer gibt und ich unter die 15.000 Euro falle?“ Der Vortragende: „Dann brauchen Sie 2017 keine Registrierkasse“. „Kann ich dann die Registrierkasse wieder zurückgeben?“ Der Vortragende lacht laut! Die Dame meint: „Mein Mann ist vergangenes Jahr verstorben und ich habe von der ganzen Technik keine Ahnung!“ Der Vortragende: „Die Registrierkassa räumen sie weg, denn wenn Ihr Unternehmen wieder über 15.000 Euro Umsatz hinaussteigt, dann räumen Sie die Registrierkasse einfach wieder her! Wenn sie aber die Kasse länger als 48 Stunden nicht in Gebrauch haben, dann müssen diese bei Finanz Online abmelden. Wenn Sie die Kasse wieder brauchen, dann wieder am gleichen Weg anmelden!“ Die Unternehmerin dazu: „Ich habe ja mit dem Internet bis heute nichts zu tun gehabt!“ Der Vortragende: „Gehen Sie raus zu die Profis – die haben sicher das passende Modell für Sie!“

Überfordert und mit Kosten konfrontiert

Man könnte weiter und weiter Beispiele aufzählen, welche von Unternehmerinnen und Unternehmern an diesem Abend stammen. Diese Roadshow empfand ich, als würde man eine Menge von überforderten Menschen in einen Raum treiben und ihnen zeigen, was gleich danach die Industrie mit ihnen machen wird. Es trifft wie immer die kleinsten und schwächsten Unternehmer. Die Wirtschafskammer hat zwar zur Stärkung einen Imbiss und Getränke vorbereitet, der Großteil der Zuhörer ist aber mit gesenkten Kopf während des Vortrages gegangen … Hier waren Theoretiker an der Gesetzesverabschiedung am Werk, welche keine Ahnung von der wirklichen Praxis haben. Seit diesem Abend bin ich zu 100% davon überzeugt, dass die verantwortlichen Politiker dem Lobbyismus verfallen sind und damit der Registrierkassen-Industrie ordentlich Umsatzzuwächse bringen!“

Anmerkung der Redaktion: Von oben angeführter Unternehmensgruppe der Kleinunternehmer (0-9 Beschäftigte), gibt es in Österreich 394.904 (von gesamt rund 426.000). Abgesehen davon, dass diese Unternehmer rund 15% der österreichischen Arbeitnehmer beschäftigen, tragen diese Unternehmer zu einen nicht wegzudenkenden Einnahmen-Anteil Österreichs bei.

Der Name des Leserbrief-Verfassers ist der Redaktion bekannt.

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