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Toxisches Schocksyndrom:

7 Tage Koma: Vergiftet durch ein Tampon

Klagenfurt – Zwei berührende Fälle haben in jüngster Vergangenheit die mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Seitdem ist das Toxische Schocksyndrom - kurz TSS - in aller Munde. Aber gibt es TSS auch bei uns in Kärnten? Wir haben uns mit einer Frau getroffen, die nur knapp dem Tode entgangen ist.

 8 Minuten Lesezeit (1035 Wörter)

2015 verstarb ein britisches 13-jähriges Mädchen in Folge des Toxischen Schocksyndroms. Modell und Sportlerin Lauren Wasser überlebte TSS nur knapp, musste sich jedoch beide Beine infolge eines Wundbrandes amputieren lassen. Beide Fälle schockieren uns zwar für kurze Zeit, werden dann aber als seltene Ausnahme abgetan. Doch wenn solche Tragödie quasi vor der eigenen Haustüre passieren, begreifen wir die Gefahr, die von dieser Erkrankung ausgeht. Viktoria hat uns ihre bewegende Geschichte erzählt und möchte damit auf die Gefährlichkeit von TSS aufmerksam machen.

TSS ist selten, aber gefährlich

Prim. Dr. Manfred Mörtl, Abteilungsvorstand der Gynäkologie im Klinikum Klagenfurt, beschreibt TSS als eine seltene Krankheit: „Die aktuellen, aufgrund der kleinen Fallzahlen sehr ungenauen Schätzungen gehen von einer bis drei Erkrankungen bei 100.000 menstruierenden Frauen aus.“ In diesem Zusammenhang muss aber dringend darauf hingewiesen werden, dass TSS -Erkrankungen auch bei Männern und Frauen, die keine Tampons verwenden, beobachtet wurden. Etwa 15 % von TSS treten als postpartale oder als Komplikationen von postoperativen Wundinfektionen auf. „Das höchste Risiko für Staphylokokken-TSS besitzen Frauen mit einer bereits bestehenden Staphylokokken-Besiedlung der Scheide, wenn sie Tampons , empfängnisverhütende Schwämme oder Membranen über längere Zeit vor Ort belassen“, erklärt Dr. Mörtl.

TSS ist eine ernstzunehmende Erkrankung

„TSS klingt immer so unwahrscheinlich und so weit weg – ich denke es ist gut zu wissen, dass die Medien keine erfundenen Horrorgeschichten erzählen, sondern es wirklich jede Frau betreffen kann“, erzählt uns Viktoria. „Nach einer Erkrankung mit TSS muss man einfach unglaubliches Glück haben, damit man aus dieser Sache so gut rauskommt wie ich“, weiß sie.

 

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Auf jeder Tamponpackung befindet sich im Kleingedruckten ein Hinweis zum gefährlichen TSS.

Auf jeder Tamponpackung befindet sich im Kleingedruckten ein Hinweis zum gefährlichen TSS. - © 5min

Grippeähnliche Symptome

Am ersten Tag war der Betroffenen übel und sie musste erbrechen. „Da ging ich von einer harmlosen Viruserkrankung aus und verordnete mir Bettruhe“, erinnert sich Viktoria. Bald schon bekam sie Fieber und ihr wurde schwindlig. „Ich musste mich zur Toilette handeln und schließlich verlor ich kurzzeitig das Bewusstsein und brach im Bad zusammen“, erzählt sie. Am zweiten Tag war sie sehr müde und verbrachte den ganzen Tag schlafend im Bett. Ihr Mann rief den Arzt nach Hause, der Wochenenddienst hatte. „Dieser ging von einem grippalen Infekt aus – ich solle im Bett bleiben und vor allem viel trinken“, beschreibt Viktoria.

Rapide Verschlechterung des Zustandes

An den dritten Tag konnte sich Viktoria kaum erinnern. Ihr Mann erzählte ihr später davon. „Ich war die meiste Zeit wie weggetreten. Sobald er versuchte, mich aufzusetzen oder mich zur Toilette zu bringen, versagte mein Kreislauf. Die Folge war, dass mein Mann an diesem Tag mehrmals die Bettwäsche wechselte. Wenn er versuchte, mit mir zu sprechen, gab ich nur unverständliches Gestammel von mir. Er verständigte unseren Hausarzt. Der vermutete, dass ich zu wenig Flüssigkeit zu mir genommen hatte. Er ließ mich sofort ins Klinikum Klagenfurt einweisen, damit ich Infusionen bekäme“, erzählt Viktoria.

Schock: Sie lag 7 Tage im Koma

„Als ich im Krankenhaus aufwachte fühlte einige Schläuche an mir und war sehr schwach. Meine Körperwahrnehmung war gestört. Ich konnte nicht richtig fühlen, wo mein Körper anfing bzw. aufhörte,“ beschreibt die Betroffene ihren Zustand. „Am dritten Tag meines Aufenthaltes war ich ziemlich verzweifelt darüber, dass ich immer noch so schwach war“, erzählt Viktoria. „Die Krankenschwester meinte, dass dies nach sieben Tage Koma völlig normal war und erzählt mir, dass ich schon 10 Tage hier bin! Ich war geschockt – mir fehlten 7 Tage meines Lebens„, sagt sie. „Mein Mann berichtete mir von den Tagen, an die ich mich nicht erinnern konnte“, so Viktoria. Als sie ins Krankenhaus kam, versagte ihr Kreislauf endgültig. Schließlich wurde sie in den künstlichen Tiefschlaf versetzt, künstlich ernährt und an die Dauerdialyse angeschlossen, weil zusätzlich ihre Nieren versagten. „Innerhalb kurzer Zeit wog ich, wegen der vielen Medikamente, um fast 40 kg mehr“, erzählt Viktoria. „Vier Tage lang konnten die Ärzte meinem Mann nicht sagen, ob ich überleben werde!“ Da die Entzündungswerte lange sehr hoch waren, stand auch eine eventuelle Entfernung ihrer Gebärmutter im Raum. Viktorias Muskeln hatten in der kurzen Komazeit „vergessen“, was sie zu tun hatten. „Ich musste alles neu erlernen – sitzen, stehen, gehen“, erzählt sie uns. „Ich hatte unglaubliches Glück, dass ich überlebt hatte und noch alle Gliedmaßen und meine Gebärmutter besitze!“

Ein Tampon hat den toxischen Schock ausgelöst

Das zu lange Tragen eines Tampons über Nacht hat die ersten Symptome der Übelkeit und des Schwindels ausgelöst. Viktoria benutzt seither Wegwerfbinden bzw. Stoffslipeinlagen. „Als ich mit meinem Mann auf Thermenurlaub war, war ich kurz davor mir wieder Tampons zu kaufen. Ich stand eine halbe Stunde in einer Drogerie vor dem Regal mit den Tampons, habe mir dann aber doch keine gekauft aus Angst wieder an TSS zu erkranken„, berichtet Viktoria.

Bei diesen Symptomen solltet ihr unbedingt zum Arzt

Treten die Kombination der unten angeführten Symptome auf, sollte dringend eine Klinik oder ein Arzt aufgesucht werden:

  • Fieber > 38,9 °C
  • diffuse, eher generalisierte Rötung von Haut und Schleimhäuten im Bereich der Scheide, des Mundrachenraumes und der Augenbindehäute.
  • Plötzliche Kreislaufprobleme (niedriger Blutdruck)
  • Erbrechen oder Durchfall bei Erkrankungsbeginn
  • Muskelschmerzen
  • Durstgefühl und Trinkverlangen ohne Zunahme der Harnmenge
  • Desorientierung und Bewusstseinsveränderungen

„Eine schnelle Diagnose und unverzügliche multimodale Behandlung an einer Intensivstation reduziert drastisch die schweren Folgen dieses seltenen Ereignisses“, klärt Dr. Mörtl auf.

Risiko an TSS zu erkranken vermindern

„Das toxinbildende Bakterium ist nicht in oder auf dem verpackten Tampons sondern meist an den Handflächen der Anwenderinnen“, weiß Dr. Mörtl. „Deshalb ist vor jedem Tamponwechsel auf eine entsprechende Händehygiene zu achten.“ Viktoria ergänzt: „Tampons solltet ihr nach 4-6 Stunden wechseln, benutzt nachts Binden oder steigt generell auf alternative Hygieneartikel wie eine Menstruationstasse um.“ Die ersten Symptome gleichen einer Grippe, dadurch wird TSS oft nicht rechtzeitig erkannt. „Nehmt TSS nicht auf die leichte Schulter – es kann jeden von uns treffen“, warnt Viktoria.

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Stoffenbinden und Menstruationstassen sind gesunde Alternativen zu Tampons.

Stoffenbinden und Menstruationstassen sind gesunde Alternativen zu Tampons. - © namo.at

 

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