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SYMBOLFOTO © pixabay

Zum "Schulchaos":

Leserbrief: „Familien sind das wahre Opfer dieser Corona-Krise“

Kärnten – „Familien wird in Zeiten von Covid19 viel zugemutet: Homeoffice und Homeschooling beißen sich seit nunmehr sieben Wochen wie die berühmte Katze in den Schwanz. Was aber seit der geplanten Wiederöffnung der Schulen losgetreten wurde, übertrifft alle bisherigen Geschehnisse“, die dreifache Mama Isabella Schöndorfer teilte durch einen Leserbrief ihre Gedanken rund um die Coronakrise mit uns.

 10 Minuten Lesezeit (1236 Wörter) | Änderung am 17.05.2020 - 21.02 Uhr

Die Verfasserin des Leserbriefes, Mag. (FH) Isabella Schöndorfer, ist Mutter von drei Kindern (12, 10, & 8 Jahre alt) und Unternehmerin.

„Die Familien sind das wahre Bauernopfer dieser Corona-Krise. Was bisher geschah, ist mittlerweile wohl jedem bekannt: Dass nach der intensiven Zeit des Homeschooling die Nerven – nicht nur bei den Eltern – blank liegen, erlebt derzeit jedes Volksschulkind am eigenen Leib. Doch die so sehnlich erwartete Öffnung der Schulen entpuppt sich als Farce für Familien, egal ob mit einem oder mehreren Kindern.

Was läuft schief in der Bildung?

Für viele Eltern war die bisherige Corona-Krise trotz aller Belastungen bis hin zur Verzweiflung fast wie ein längst überfälliger Warnschuss. Entgegen den ministeriellen Freudenkundgebungen haben sich mit der Schulschließung Mitte März die massiven Schwierigkeiten des heimischen Schulsystems gezeigt, Bildung in die digitale Welt zu übersetzen. Verschiedene Lernplattformen, höchst unterschiedlich digital qualifizierte und ambitionierte Lehrerinnen und Lehrer, die teils mangelhafte Ausstattung vieler Eltern zuhause machten den Umstieg alles andere als einfach. Manche Lehrer haben zuhause nicht einmal Internet, andere schicken Hausübungen als Handyfoto per Whatsapp. Als mit einigen Wochen Verspätung endlich Zoom-Meetings zustande kamen und die Schüler sich freuten, Lehrer und Schulfreunde zumindest auf dem Bildschirm wiederzusehen, wurden diese schon nach zwei – in der Zeitwahrnehmung der Gesamtsituation lächerlich erscheinenden – Tagen von der Bildungsdirektion Kärnten jäh untersagt: Probleme mit dem Datenschutz. Wer sich damit näher auseinandersetzt, erkennt allerdings unschwer, dass es sich hier nicht um Betriebsgeheimnisse, sondern um unkritische Lehrinhalte handelt, die den Kindern über Videounterricht wesentlich lebendiger vermittelt werden können. Was bleibt, ist der bittere Nachgeschmack einer gedanklich im Frontalunterricht erstarrten Bildungsverwaltung.

Nach wochenlangem Digitalzwang kommt nun die totale Ernüchterung: Die Bildung fällt in das alte Schema zurück, Wissen rein offline zu vermitteln und den soeben erlernten modernen Werkzeugen aufatmend den Stecker zu ziehen. Wofür war dann das ganze Online-Plattform-Gedöns gut? Zur Beschäftigung der Familien?

Nach dem Chaos: Noch mehr Chaos

Bildungsminister Faßmann hat medial das 3-2-Modell (3 Tage Unterricht Gruppe A, 2 Tage Gruppe B und in der darauffolgenden Woche umgekehrt) als kommende Erlösung rauf- und runtergepredigt, bis sich viele Eltern damit angefreundet haben: Hauptsache, es kommt wieder ein bisschen Ordnung ins Familiensystem. Doch sie hatten die Rechnung ohne die Schulautonomie gemacht. In Klagenfurt gibt es tatsächlich vier Schulen im Umkreis von vielleicht zwei Kilometern, die nun vier unterschiedliche Modelle (darunter nur einmal das von BM Faßmann empfohlene) anwenden. Einer Familie mit mehreren Kindern, die unterschiedliche Schultypen besuchen, bleibt da nur die Verzweiflung. Und die Frage: Wer braucht in Zeiten von Corona die Autonomie der Schulen? Die Gesellschaft bekommt seit Wochen strikte Vorgaben der Regierung und hält sich zum größten Teil daran. Dann kommt das leidige österreichische Bildungssystem und macht aus einer Gesundheitskrise einen Krisenherd für Familien. Hier wurde wortreich keine Erleichterung geschaffen, sondern Familien und insbesondere Mütter, die oftmals die Organisatoren in Familien sind, in eine gravierende „Verschlimmbesserung“ der Situation manövriert.

Blick zurück im Zorn

Bis auf die dringliche Regelung für die Maturanten schneidet das Bildungsministerium bei Familien schlecht ab. Die Elternfront brodelt. Immer mehr sind der Meinung, dass diese Art der Wiederöffnung der Schulen sie in ein zweites, noch ärgeres Chaos stürzt. Schon bisher flexible Arbeitgeber müssen sich nun auch noch nach den Corona-Stundenplänen der Schulen richten. Das ist ein Spagat, den keiner schafft. Anruf einer verzweifelten Bekannten, deren Kinder zunächst das Glück hatten, dass ihre beiden Schulen dasselbe Modell anwenden: Wie das Leben so spielt, sind die Buben unterschiedlichen Gruppen zugeteilt, was aus irgendwelchen Gründen auch nicht änderbar ist. Das heißt, diese berufstägige Mutter sollte derzeit einfach besser nicht arbeiten. Und die für solche Fälle angebotenen Auffanggruppen in Turnsälen & Co. sind ein schlechter Witz: Hier wird nur beaufsichtigt und das auf kleinstem Raum. Also erwartet am Ende des Tages die berufstätige Mutter der ganz normale Homeschooling-Horror. Mit dem zusätzlich erhöhten Risiko-Effekt, ein möglicherweise infiziertes Kind zu haben, das zuhause den Rest der Familie auch noch ansteckt.

Es scheint, als wären die Corona-Krisenpläne für Schulen und Familien von Menschen ohne Kinder und Praxis gemacht: Der nach dieser langen untätigen Phase so notwendige Turnunterricht ist nicht erlaubt, auch nicht im Freien mit viel Abstand; beim Singen von Liedern könnte Lehrern allen Ernstes ein Dienstvergehen drohen; aber Kinder werden in unbeschulten Gruppen zusammengefasst, um sie dann über Stunden ruhig zu halten? Da denken bereits viele Eltern daran, entweder das Angebot gar nicht anzunehmen oder die Regeln zu brechen und die gutgemeinte, aber definitiv nicht empfohlene Hilfe der Großeltern anzunehmen.

Das Schweigen der Lämmer

Da ich fünf Jahre Elternvereinsobfrau an einer Volksschule war, habe ich noch immer einen sehr guten Draht zu vielen Eltern. Was mir auffällt, ist, dass leider die meisten dermaßen damit beschäftigt sind, die Corona-Maßnahmen einzuhalten und den Familienfrieden zu wahren, dass es derzeit kaum zu öffentlicher Systemkritik kommt. Unterhalb dieser Elterndecke brodelt es aber gewaltig! Erstaunlicherweise bleiben die Whatsapp-Gruppen relativ ruhig. Telefoniert oder schreibt man sich persönlich, gehen jedoch die Wogen hoch. Es scheint, als hätte die Corona-Krise ihr gesellschaftliches Bauernopfer schon längst gefunden: die schulabhängigen Familien mit Berufshintergrund. Jede einzelne Familie, jede Mutter, jeder Vater ist dieser Phase schon längst überdrüssig. Ich war neugierig und ging der Sache auf den Grund, warum es dennoch kaum zu Aufständen kommt. Und siehe da: Die Angst vor der Schule macht sich breit. Die Angst vor willkürlich agierenden Lehrern, denen die Kinder nach Corona wieder hilflos ausgeliefert sind, geht um wie ein schleichendes Virus, das keiner sieht und hört.

Was man aus der Krise lernen kann

Ich möchte anderen Eltern Mut machen, die tatsächliche Dunkelziffer an unzufriedenen, überlasteten Familien ans Tageslicht zu bringen. Denn die psychischen und physischen Auswirkungen werden leider erst viel später sichtbar, wenn die Psychologen viel Arbeit haben werden und die Burn-out-Rate exponentiell ansteigt. Lehrer, die seit sieben, acht Wochen keinen Kontakt zu ihren Klassenkindern haben, gehören gemeldet. Wer sich den Freigegenstand in guten Zeiten von finanzkräftigen Eltern bezahlen lässt und dann wochenlang keinen Ton von sich gibt, gehört boykottiert. Die Zeit ist schwer genug für alle. Das gibt aber keinem das Recht, den Kopf in den Sand zu stecken und sich unsichtbar zu machen. Da werde ich von der Mut-Mutter zur Wut-Mama. Ich bin übrigens keine Lehrerhasserin, wie viele annehmen könnten und nun einen Shitstorm gegen die Lehrerschaft erwarten. Meine drei Kinder haben (wie viele andere) das Glück, arbeitswilligen, kritikfähigen, proaktiven, ermutigenden Lehrerinnen und Lehrer in die Hände gefallen zu sein. Ich bewundere jene, die beweisen, wie man aus der Krise lernen kann. Zum Beispiel die Musikschule, die seit der zweiten Corona-Woche den Akkordeon-Unterricht auf professionelle Art und Weise online mit dem gewissen Maß an Bringschuld erlebbar macht, das für uns erwartbar ist. Wie die vielen Lehrer, die sich sorgen um ihre Klassenkinder und helfen, wo es geht – auch an Sonntagen via Whatsapp (ups, das ist ja nicht erlaubt) und auch nach der Dienstzeit mit Videocalls, um den Kleineren Bücher vorzulesen und die Größeren über die Zeit hinwegzutrösten. Weil sie verstanden haben, dass wir Eltern sind und keine Lehrer. Denn wir haben unseren eigenen Beruf – lasst ihn uns bitte ausüben!“

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