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Leute - Kärnten
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Hoher Druck für die gesamte Familie:

Kinder und Küche – stärkt die Corona-Krise alte Rollenbilder?

Kärnten – Durch Corona wurde das Leben in den letzten Monaten komplett auf den Kopf gestellt. Das gilt auch für Beziehungen.

 5 Minuten Lesezeit (681 Wörter) | Änderung am 20.07.2020 - 11.06 Uhr

Paartherapeuten wie Boris Bergmann bestätigen, dass die Zahl der Trennungen und Scheidungen in den Wochen seit Erlass der Quarantäne-Maßnahmen deutlich gestiegen ist. Grund dafür sei unter anderem die Tatsache, dass Paare sich durch Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen kaum aus dem Weg gehen können und schwelende Konflikte so nun schneller zum Ausbruch kommen. Besonders unter Druck stehen in dieser Zeit Familie mit Kindern.

Familienarbeitszeit Arbeitszeit steigt besonders für Mütter

Paare, die versuchen müssen während der Coronakrise Kindererziehung, Homeschooling und Berufstätigkeit unter einen Hut zu bekommen, gehen häufig an und über ihre Belastungsgrenzen. Besonders für Mütter steigt der tägliche Arbeitsaufwand. Das bestätigt auch Martin Burjad, Präsident der „Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie“ (EAF). „Viele Mütter tragen die Hauptlast der Corona-Maßnahmen. “erklärt Burjad mit Verweis auf eine repräsentative Mannheimer Corona-Studie. Diese befragte Paare zwischen 2018 und Mitte April 2020 und zeigte, dass die Arbeitszeit von Müttern mit Kindern unter 16 Jahren in den letzten Wochen im Schnitt 6,9 auf 8,2 Stunden täglich gestiegen ist. Dabei handelt es sich lediglich um reine Familienarbeit, sprich Haushalt und Kinderbetreuung.

Die Gesamtarbeitszeit von Müttern stieg somit statistisch von 13,5 Stunden auf 13,6 Stunden pro Tag – umfasst allerdings auch Frauen, die coronabedingt erwerbslos oder in Kurzarbeit sind. Die Übrigen arbeiten somit täglich um die 14 Stunden für Beruf und Familie. Das entspreche 70 Wochenstunden, so der Wissenschaftler. Diese ungleiche Arbeitsverteilung ist allerdings nichts Neues.

Traditionelle Rollenbilder sind nach wie vor weit verbreitet

Christina Boll vom Deutschen Jugendinstitut erklärt: „Wir kommen bei der traditionellen Rollenteilung nur in Minischritten voran, vor allem wenn Kinder da sind“. Nur langsam gleiche sich das Verhalten der Geschlechter an – das mache sich auch in Pandemie-Zeiten bemerkbar.

„Frauen übernehmen seit 20, 30 Jahren etwa zwei Drittel der Hausarbeit und Männer ein Drittel der unbezahlten Arbeit“, erklärt der Soziologe Florian Schulz vom Staatsinstitut für Familienforschung der Universität Bamberg. Schon bei Kindern gäbe es diese Tendenzen, wie seine neue Studie zeige. „Mädchen machen mehr Hausarbeit als Jungen und auch dabei gibt es eine Verteilung von etwa zwei Drittel zu einem Drittel.“ Bringen nun Kurzarbeit, Homeoffice und Heimunterricht den Wandel im Familienleben?

Ungleichheitsdynamiken nehmen zu

Manuela Barišić von der Bertelsmann Stiftung erklärt, dass vieles darauf hindeutet, dass sich Ungleichheitsdynamiken zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft eher noch verschärfen werden. Dazu trägt bei, „dass Frauen und Mütter in der aktuellen Krise auch einen Großteil der zusätzlichen Last zu Hause tragen, da Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen geschlossen sind“. Infolgedessen kommt es zu einer Verstärkung der geschlechterbezogenen Ungleichmäßigkeiten in Sachen „Care-Arbeit“. Besonders schwer sei die derzeitige Situation für Alleinerziehende – meist Frauen.

Auch für Familien, bei denen die Erwerbsarbeit des Vaters hoch bleibt oder noch zunimmt, wie es bei Mitarbeitern in Krisenstäben der Fall ist, ist eine ausgeglichenere Rollenverteilung kaum möglich. „In diesen Familien droht eine Retraditionalisierung der Arbeitsverteilung.“ so Martin Burjad. Väter, die derzeit aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht oder nur von zuhause aus arbeiten können, fänden sich hingegen plötzlich „ungeplant in einer aktiveren Vaterrolle“.

Kultureller Wandel durch Corana-Erfahrungen?

Barišić sieht in den Corona-Bedingungen darum auch eine Chance: „Da zurzeit auch viele Männer und Väter von zu Hause arbeiten und sehen, was Frauen und Mütter an Care-Arbeit leisten, könnte dies zu einer wichtigen Erfahrung werden und einen kulturellen Wandel einläuten.“  Weiterhin ergebe sich in vielen Fällen ein „automatischer Rollentausch“ da auch Mütter oft in systemrelevanten Berufen tätig sind und somit die Väter einen großen Teil der Heimarbeit übernehmen müssen. Auch der Soziologe Stefan Schulz sieht im Zusammenleben unter den Beschränkungen der Pandemie die Chance für wachsendes Verständnis und neue Abmachungen. Dennoch ist das Streitpotenzial hoch, denn klare Regelungen und gelungene Absprachen erfordern ausführliche Kommunikation und Verhandlungen.

Damit nachhaltige, langfristige Veränderungen erzielt werden können, müssten diese Veränderungen jedoch durch verschiedene institutionelle Rahmenbedingungen flankiert werden – von Anreizen im Steuersystem bis hin zu qualitativ angemessener Kinderbetreuung.

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