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Leute - Klagenfurt
Reportage
SYMBOLFOTO © anaumenko-Adobe Stock

Aufnahmen zeigten Unfassbares auf:

Autist (7) isoliert und gedemütigt: „Ich möchte lieber sterben…“

Klagenfurt – ... als in die Schule zu gehen." Als der kleine Linus* das immer wieder sagte, wussten seine Eltern, irgendwas stimmt hier überhaupt nicht. Mit ihren Befürchtungen lagen sie richtig.

 9 Minuten Lesezeit (1099 Wörter)

Im Kindergarten gab es erste Anzeichen von Konzentrationsschwierigkeiten, Hyperaktivität und den Verdacht auf ADHS, wobei er aber nie aggressiv gegenüber anderen Kindern war. Danach besuchte Linus eine Volksschule in Klagenfurt Land und bereits am zweiten Schultag teilte die Schulleitung den Eltern mit, dass man mit Linus ohne Medikamente nicht weiterkommen würde und, dass es in der Schule auch kein Fachpersonal für eine besondere Betreuung gäbe. Eine einfühlsame Hortpädagogin gab den Eltern den Hinweis, dass Linus das Asperger-Syndrom haben könnte.

Diagnose: Autismus-Spektrumsstörung

Schnell folgte der Schulwechsel in eine neue Volksschule. Hier sollte es die richtige Betreuung und auch Fachpersonal für Linus geben. Die Sonder- und Sozialpädagoginnen wussten hier von Beginn an vom Verdacht der Eltern. Die endgültige Diagnose kam dann zwei Wochen später: Linus hat eine Autismus-Spektrumsstörung. Es war eine „Erleichterung, zu wissen was los ist,“ so die Mutter. Der Vater ergänzt: „Aber natürlich auch ein Schock, eine endgültige Diagnose.“ Sie vertrauten darauf, dass man wisse, wie man richtig mit Linus umgehen würde.

„Erkannte meinen Sohn nicht mehr wieder“

Doch dann ging alles sehr schnell bergab. Der damals 6-Jährige war unausgeglichen, verhaltensauffällig und hatte Alpträume. Er fing an, sich selbst zu verletzten. Dann stellte er das Essen ein und wog nur mehr 18 Kilogramm. „Ich erkannte meinen Sohn einfach nicht mehr wieder“, sagt die Mutter. Er zeigte depressive Verstimmungen, litt unter Schulangst und Nervenzusammenbrüche. Die Verzweiflung der Eltern wuchs und wuchs. Auch wenn die Eltern immer wieder das Gespräch zur Schule und zu den Pädagogen suchten, der Verdacht, dass die Ursachen in der Schule zu suchen wären, lag den Eltern zuerst sehr fern, „wir gingen davon aus, dass Pädagogen wüssten, was das Richtige für Linus wäre.“ Dazu kommt, dass Linus als Autist schwer in Worte fassen oder wiedergeben kann, was ihn so zum Verzweifeln bringt.

Erste Zweifel…

Bald jedoch kommen erste Zweifel auf, als „ein Schutzhaus und Lärmschutzhörer, die Linus dringend gebraucht hätte, um aus gewissen Situationen ´entfliehen´ zu können, nicht bereitgestellt wurden.“ Im Gegenteil,  das Schutzhaus stand in einem Raum, der für ihn meist nicht einmal zugänglich war und die Kopfhörer, die immer in der Schultasche waren, wurden ihm mit den Worten, „die brauchst du eh nicht, du schaust eh nur durch die Luft“ weggenommen. „Er durfte sich nicht unter dem Tisch verstecken, da er ´endlich sitzen´ bleiben sollte„, gibt die Mutter wieder. „Aber er kann nicht ruhig sitzen. Er kann sich auch nicht länger konzentrieren, ohne von äußerlichen Reizen abgelenkt zu werden. Es war frustrierend, dass der Kleine scheinbar missverstanden wurde.“

„Ich will sterben! Keiner braucht mich!“

Der absolute Tiefpunkt war für die Eltern erreicht, als Linus den Wunsch äußerte, nicht mehr Leben zu wollen. „Ich habe ihn gerade von der Schule abgeholt. Dann sagte Linus, dass er umsonst wäre und nicht mehr leben möchte“, erzählt der Vater sichtlich erschüttert. „Er weinte nur noch und zog sich zurück. Ich will nicht mehr in die Schule. Die Frau S.* ist böse. Mama glaub mir“, schrie er seine Mama aus Verzweiflung an, während er seine Gestiken kaum mehr kontrollieren konnte und sich dabei selbst verletzte. „Er konnte, aufgrund seines Autismus einfach nicht in Worte fassen, was genau los war.“ Die Folge: Die Mutter wusste nicht mehr weiter. Zahlreiche Gespräche und Anrufe mit der Bitte um Hilfe schienen nichts an der Situation zu ändern. In der Angst um Linus versteckte sie ein Aufnahmegerät in der Kapuze ihres Sohnes.

Isolation von anderen Kindern

„Die Rede war von einer Time-Out-Klasse und eins-zu-eins Betreuung, aber nicht davon, dass mein Linus vier Stunden isoliert von anderen Kindern alleine in einem Raum unterrichtet wird.“ Davon erfuhr die Mutter erst durch die Aufnahmen.  Er durfte nicht aufstehen und in der Pause nicht zu den anderen Kindern. „Abgesehen von der Isolierung wurde mit ihm wenig und wenn herablassend gesprochen“, kritisiert sie. ** Auf den Aufnahmen ist hörbar, dass Kinder in der Pause am Gang unterwegs sind und fröhlich lachen. Linus möchte zu ihnen und fragt, ob er auch raus darf. Es wird ihm nicht erlaubt und er isst seine Jause alleine. „Die Pädagogin argumentierte mir gegenüber, dass es für Linus zu laut in der Pause sei.“ Bis auf einen Toilettengang sitzt Linus vier Stunden lang im Raum. Schnell wird ihm alles zu viel. Die Aufnahmen zeigen, dass er mit seinem Kopf immer wieder gegen den Tisch, schlägt und sich mit Stiften ins Ohr stechen will.

Aufnahmen decken Demütigungen auf


„I kumm mir vor wie in ana Sonderschul…“ oder das Gespräch der beiden Lehrerinnen in Gegenwart von Linus, dass er eigentlich gar nicht hier her gehört, zeigen das Ausmaß der Demütigungen. Aufgenommen wurden zwei Vormittage, also insgesamt acht Schulstunden. Der Junge musste sich ähnliches wohl  monatelang anhören. „Ich konnte ihn nicht beschützen, es frisst mich auf“, erzählt die Mutter, die noch immer von Schuldgefühlen geplagt wird. „Nie werde ich seinen leeren Blick vergessen, wenn er mir in der Schule nachschaute.“ Seine ehemalige Lehrerin nahm der Kleine lange in Schutz: „Eigentlich bin ich schuld, weil ich habe Frau S. immer genervt. Die Schule ist böse, aber das war sie nicht immer. Erst seit ich dort bin.“ Sofort zogen die Eltern einen Schlussstrich: Linus blieb eine Zeit lang zu Hause, um sich zu erholen und besucht nun eine andere Volksschule in Klagenfurt.

Endlich ein Lichtblick

Linus geht es mittlerweile gut. Er hat zugenommen, liebt es in die Schule, ebenfalls in eine Time-Out-Klasse zu gehen, und hat Freundschaften geschlossen. Nach dieser Tortur hat der Junge nun sein Schutzzelt und seine Lärmschutzkopfhörer. „Ich brauche keine Entschuldigung, ich möchte wissen, ob sie das für richtig hält, ein Kind so zu behandeln, es zu isolieren und abzukapseln?“, fragt die Mutter. Linus Eltern wollen anderen Betroffenen Mut zusprechen und sie bestärken. „Hört auf eure Kinder, glaubt ihnen und beginnt zu hinterfragen“. Die Pädagogin selbst wollte sich gegenüber 5 Minuten nicht zu dem Fall äußern. Die Bildungsdirektion meinte auf Anfrage: „Der Fall wurde am 17. Februar mit allen Beteiligten, auch im Beisein der Eltern besprochen und eventuelle dienstrechtliche Maßnahmen seitens der Behörden wurden geklärt. Es wurden auch dienstrechtliche Maßnahmen gesetzt. Der Schüler wurde einem anderen Schulstandort zugewiesen, wo es ihm sehr gut geht.“

*Namen von der Redaktion geändert.  **Die Aufnahmen liegen der Redaktion von 5 Minuten vor und wurden überprüft. 

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