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Wirtschaft - Kärnten
Neue Industrieansiedelung in Hermagor: Campingplatzbetreiber Norbert Schluga jun. (links) befürchtet einen Umsatzeinbruch. Bgm. Siegfried Ronacher sieht im neuen Werk ein Chance, bei der der Mehrwert in den nächsten Jahren im ganzen Bezirk spürbar sein wird.
Neue Industrieansiedelung in Hermagor: Campingplatzbetreiber Norbert Schluga jun. (links) befürchtet einen Umsatzeinbruch. Bgm. Siegfried Ronacher sieht im neuen Werk ein Chance, bei der der Mehrwert in den nächsten Jahren im ganzen Bezirk spürbar sein wird. © Montage Privat / SPÖ / Schneider

Neue Betriebsansiedelung sorgt für Wirbel:

„Niemand macht Urlaub im Industriegebiet“

Hermagor – In der Gailtaler Bezirksmetropole soll in einem 17.000 m² großen Hallenareal Österreichs erstes Produktionswerk für Holzfaser-Dämmstoffplatten entstehen. Die Ansiedelung der europaweit tätigen Firma "best wood SCHNEIDER" wird vor den Toren Hermagors, im interkommunalen Gewerbepark Karnische Region, erfolgen. Wirtschaftlich sieht dies Stadtoberhaupt Siegfried Ronacher (SPÖ) als großen Wurf. Anrainer wie Norbert Schluga jun. vom gleichnamigen Camping hingegen steigen auf die Barrikaden. Er fühlt sich von der Politik überrumpelt und befürchtet massive Umsatzeinbrüche. Die Opposition mit Gemeinderat Karl Tillian spricht sogar von „einem städtebaulichen und raumordnungsmäßigen Wahnsinn“.

 8 Minuten Lesezeit (1003 Wörter)

Lediglich drei Gegenstimmen gab es in der Hermagorer Gemeinderatssitzung am 18. Februar. SPÖ, ÖVP und FPÖ beschlossen die Umwidmung eines 3,2 Hektar großen Gewerbegebietes in ein Industriegebiet. Der Hintergrund: Die Betriebsansiedelung eines 45 Millionen Euro Projektes durch die Firma „best wood SCHNEIDER“. Entstehen soll Österreichs erstes Produktionswerk für Holzfaser-Dämmstoffplatten. „In der größten Krisenzeit seit dem Zweiten Weltkrieg schaffen wir Arbeitsplätze, mit einer Firma die zu uns passt“, freut sich Bürgermeister Ronacher. Vor 33 Jahren sei laut ihm die letzte Betriebsansiedelung in dieser Größenordnung in Hermagor gewesen – die damalige Intercold. „Jetzt war es wichtig, einen Schritt wie diesen zu setzen. Wir halten damit Arbeitsplätze in der Holzbranche und bauen neue aus. Es geht in Summe um über 200 Menschen, die in diesem wirtschaftlichen Kreislauf Beschäftigung finden werden.“

„Niemand macht Urlaub im Industriegebiet“

Ganz anders sieht dies Anrainer und Touristiker Norbert Schluga jun. Vor 400 Jahren setzte seine Familie den ersten touristischen Grundstein mit einem Wirtshaus in Obervellach bei Hermagor. Heute betreiben die Schlugas zwei Campingplätze sowie Appartementhäuser und erzielen laut eigenen Aussagen einen Anteil von „mehr als 15 Prozent der Nächtigungen in der gesamten Region“. „Der Tourismus und die Gastfreundschaft hat in unserer Familie einen großen Stellenwert“, meint Norbert Schluga jun., der im Jahr 2004 der Familientradition folgend seine Bankerkarriere im Ausland an den Nagel hing und zurück in die Heimat kam. „Wir glauben an den Standort Hermagor, investieren jährlich über eine Million Euro und wollen touristisch diese Region weiterentwickeln“, erzählt der Unternehmer. „Nun aber sollen direkt vor unserem Campingplatz Megahallen mit 26 Metern Höhe und 40 Meter hohe Schlote entstehen. Der Dimension ist man sich anscheinend nicht bewusst – das ist die Höhe des Hermagorer Rathauses. Drei-Schichtbetrieb, Lärm, Rauchwolken und Co. inklusive …“, ärgert er sich.

„Wir wurden überrumpelt!“

Erst vor Kurzem erfuhr Schluga aus den Medien von der Ansiedelung: „Wir Anrainer wurden nicht einmal eingebunden. Man hätte mit uns sprechen müssen. Die Bundesstraße vor dem Campingplatz ist teilweise schon ein Problem für uns, nun kommen Megahallen und Schlote. Glaubt die heimische Politik ernsthaft, dass Gäste nach Hermagor kommen, um auf eine Industrieanlage zu blicken?“ Geht es nach dem Touristiker, hätte es andere, besser geeignete und bereits gewidmete Standorte in Hermagor gegeben. „Wir haben nichts gegen Betriebsansiedelungen und neue Arbeitsplätze. Aber dieses Projekt bedeutet einen massiven Eingriff. Alternativen gäbe es ja. So zum Beispiel eine Fläche beim Sägewerk Hasslacher oder im Bereich der ehemaligen Intercold. Zonen die bereits auf Industrie gewidmet sind.“ Wäre da nicht das Problem, dass sich die besagten Flächen in einer Hochwasserzone befinden. Man hätte hier zum Schutz die Flächen entsprechend anheben müssen.

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Karl Tillian stimmte gegen die Umwidmung und meint die Anrainer sind empört: „Die Widmung bei diesem Großprojekt ging so schnell wie sonst bei niemanden. Jeder Häuslbauer braucht länger mit einem Verfahren.“

Karl Tillian stimmte gegen die Umwidmung und meint die Anrainer sind empört: „Die Widmung bei diesem Großprojekt ging so schnell wie sonst bei niemanden. Jeder Häuslbauer braucht länger mit einem Verfahren.“ - © KK / Privat

„Man hätte es mit Weitblick besser lösen können!“

… meint dazu Karl Tillian von der gleichnamigen Namensliste. Die zwei Mandatare seiner Fraktion und ein ÖVP-Gemeinderat stimmten als einzige gegen die Umwidmung. „Jetzt sind wohl Nutzungskonflikte mit den Anrainern vorprogrammiert. Im Zuge der Hochwasserschäden-Beseitigungen in Rattendorf und Waidegg hätte man eine alternative Ansiedlungsfläche für das Unternehmen jederzeit vorbereiten und aufschütten können.“ Er hätte sich erwartet, „dass von Anfang an die Bürger in ein Großprojekt wie dieses eingebunden werden. Den Betrieben jetzt so etwas vor die Nase zu setzen, wird wohl auch für Einbrüche bei der touristischen Auslastung und eine Reduktion von Arbeitsplätzen bedeuten.“

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Bernd Roth errichtet, gegenüber des neuen Werkes, ein Gebäude für Ordinationsräumlichkeiten. Es sollen 15 Arbeitsplätze entstehen.

Bernd Roth errichtet, gegenüber des neuen Werkes, ein Gebäude für Ordinationsräumlichkeiten. Es sollen 15 Arbeitsplätze entstehen. - © KK

Wunsch nach Bürgerbeteiligung

Ein weitere betroffener Unternehmer ist Bernd Roth. Er betreibt, ebenso in Familientradition, ein Autohaus mit Werkstätte. Mit seiner Gattin entschloss er sich, gegenüber des nun neuen Holzwerkes, ein Gebäude für Ordinationsräumlichkeiten zu errichten, wo 15 Arbeitsplätze entstehen sollen. Auf Anfrage von 5 Minuten gab er sich zurückhaltend und meint: „Solange nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen, wo auch die bestehenden Gebäude in Visualisierungen berücksichtigt sind, ist es schwierig. Wir wünschen uns auf alle Fälle eine Bürgerbeteiligung bei einem Projekt in dieser Größenordnung.“

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Bgm. Siegfried Ronacher (SPÖ): „In der größten Krisenzeit seit dem zweiten Weltkrieg schaffen wir Arbeitsplätze mit einer Firma die zu uns passt!“

Bgm. Siegfried Ronacher (SPÖ): „In der größten Krisenzeit seit dem zweiten Weltkrieg schaffen wir Arbeitsplätze mit einer Firma die zu uns passt!“ - © KK

„Wir setzen uns für Arbeitsplätze ein!“

Dem entgegen hält Siegfried Ronacher: „In unserer Gemeinde hätte es keine Alternative für den Standort gegeben. Vor sieben Wochen wurden die notwendigen Informationen auf der Amtstafel ausgehängt. Hier hätte jeder die notwendigen Daten haben können – wenn er wollte.“ Laut dem SPÖ-Bürgermeister, der sich auch wieder der bevorstehenden Neuwahl stellt, sei „lediglich Hermagor und Kötschach-Mauthen für größere Unternehmen und Ansiedlungen geeignet gewesen“. Die sieben Bürgermeister der Region, vom Lesachtal bis nach St. Stefan, die im Interkommunalen Gewerbepark Karnische Region vertreten sind, „freuen sich über den wichtigen Erfolg“, heißt es in einer Aussendung. Der Beschluss für die Ansiedlung in Hermagor erfolgte in diesem Gremium einstimmig. Ronacher: „In unserer Region sind bis auf Hermagor alle Gemeinden abwanderungsgefährdet. Wir haben immer gesagt, wir setzen uns für die Arbeitsplätze ein. Dann kommen Arbeitsplätze und dann sagen wir Nein die dürfen nicht kommen, weil Bedenken bestehen, die nicht gerechtfertigt sind?“ Er sieht in einem 45seitigen Gutachten „klar enthalten, dass die Anrainer nicht beeinflusst sind“. Auch zur Diskussion um die Höhe der Hallen hält er im Gespräch mit 5 Minuten entgegen: „Wer beim ehemaligen Areal von Holzleimbau Buchacher an der B111 vorbeifährt merkt, dass es nicht störend ist. Dies hat ungefähr die gleichen Maße.“

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