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Leben - Klagenfurt
© Kat Jayne/Pexels

Wie man Jugendlichen helfen kann

Ritzen: Druckabbau durch Selbstverletzung

Klagenfurt – Manchmal wird Lena* alles zu viel - Stress in der Schule, Ärger im Freundeskreis, Streit mit den Eltern. Wenn ihr die Belastungen über den Kopf wachsen, sieht die 15-Jährige nur einen Ausweg: Sie greift zur Rasierklinge und schneidet sich in den Unterarm. Dann fühlt sie sich ruhiger, hat die Kontrolle wieder. Selbstverletzendes Verhalten kommt bei Jugendlichen leider recht häufig vor. Wir haben mit Psychologin Manuela Germ darüber gesprochen, auf welche Alarmzeichen Eltern achten sollten und wie man Betroffenen helfen kann.

 5 Minuten Lesezeit (674 Wörter)

Von Christine Jeremias. Ein Schnitt in den eigenen Arm als Stressbewältigung? Was sich für die meisten von uns wohl eher erschreckend anhört, ist für manche Jugendliche eine alltägliche Handlung. „Studien zufolge probieren 25 Prozent aller Jugendlichen eine Art von Selbstverletzung zumindest einmal aus. Etwa 4 Prozent verletzen sich regelmäßig selbst“, erklärt Manuela Germ, die als klinische und Gesundheitspyschologin immer wieder mit Fällen von Selbstverletzung konfrontiert ist.

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Manuela Germ: “Selbstverletzendes Verhalten muss immer ernst genommen werden, die Betroffenen benötigen Hilfe.”

Manuela Germ: “Selbstverletzendes Verhalten muss immer ernst genommen werden, die Betroffenen benötigen Hilfe.” - © KK

Ritzen als Bewältigungsstrategie

Umgangssprachlich ist dieses Verhalten vor allem als „Ritzen“ bekannt, bei dem mit Rasierklingen oder anderen scharfen Gegenständen vorzugsweise in den Unterarm geschnitten wird. „Betroffen sind davon in erster Linie junge Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren. Es gibt natürlich auch Burschen, die sich selbst verletzen, diese fügen sich die Wunden aber eher auf andere Art zu“, so Germ. Eines haben die Betroffenen aber gemeinsam: Sie sehen die Selbstverletzung als Ausweg aus emotionalen Spannungszuständen, als Reaktion auf belastende Umstände. So auch Lena. „Wenn ich viel Druck habe, zum Beispiel in der Schule, weiß ich manchmal nicht mehr weiter. Ich fühle mich innerlich leer. Wenn ich mich ritze, spüre ich, dass noch Leben in mir ist, der Schnitt ist eine Erleichterung“, erzählt das Mädchen. Auf diese Erleichterung folgen meist Schuldgefühle und der Wunsch, die Verletzung und auch die Narben von älteren Schnitten zu verbergen. Etwa mit langärmliger Kleidung und der Vermeidung von Situationen, in denen man sich vor anderen umziehen muss, wie beim Sportunterricht.

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Selbstverletzung kann als Ausweg aus emotionalen Spannungszuständen und als Reaktion auf belastende Umstände gesehen werden.

Selbstverletzung kann als Ausweg aus emotionalen Spannungszuständen und als Reaktion auf belastende Umstände gesehen werden. - © KK

Alarmsignale für Eltern

Eltern sollten solche Signale und Änderungen im Verhalten des Kindes auf jeden Fall beachten. „Wenn sich mein Kind plötzlich verändert, sich immer mehr zurückzieht und auch bei warmen Temperaturen lange Kleidung trägt, sollte man hellhörig werden. Oft werden auch bisher gern ausgeübte Sportarten aufgegeben. Natürlich muss nicht gleich ein ernsthaftes Problem dahinterstecken, man sollte sein Kind aber genau beobachten und das Gespräch suchen“, sagt die Psychologin. Besonders wichtig sei es, die Jugendlichen ernst zu nehmen und nach Ursachen zu suchen. „Früher wurde Ritzen oft abgetan als Mittel, um die Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu bekommen. Dies sollte aber auf keinen Fall geschehen, Jugendliche, die sich ritzen, benötigen Hilfe. Eine Selbstverletzung ist eine Art der Emotionsregulierung. Durch den Schmerz werden Endorphine freigesetzt, was kurzfristig vom eigentlichen Problem ablenkt. Zugleich empfinden sie aber häufig Scham für ihr Verhalten. Viele Mädchen zählen genau mit, wie viele Tage sie es ausgehalten haben, ohne zu ritzen. Bis der Druck zu groß wird und sie sich doch wieder verletzen, erklärt Germ.

Corona verstärkt Probleme

Die Gründe für das Ritzen sind vielfältig, betroffen sind Jugendliche aus allen sozialen Schichten. Auslöser können etwa schwierige familiäre Situationen, wie Trennungen sein, aber auch Leistungsdruck, Selbstzweifel oder traumatische Erlebnisse. Verstärkt werden viele Probleme außerdem durch die Coronakrise, die gerade jungen Menschen viel von ihrem gewohnten Leben genommen hat. Wo auch immer die Auslöser liegen, wichtig ist es, dass die Betroffenen ein offenes Ohr für ihre Probleme finden, jemanden haben, dem sie sich anvertrauen können. „Es gibt natürlich auch Fälle, in denen Mädchen sich aus Neugierde einmal ritzen, einfach, um es auszuprobieren, weil sie davon gehört haben oder es im Freundeskreis ein Thema ist. Wenn die Selbstverletzungen aber über einen längeren Zeitraum stattfinden, sollte man auf jeden Fall professionelle Hilfe in Anspruch nehmen“, appelliert Germ an die Eltern. In der Therapie können die Jugendlichen über Probleme sprechen und lernen nach und nach andere Strategien, um mit Stress umzugehen. Auch Lena hat sich kürzlich ihrer Mutter anvertraut, gemeinsam wollen sie nun Hilfe suchen, damit der Spannungsabbau hoffentlich bald ohne Selbstverletzung funktioniert.

* Name von der Redaktion geändert

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