Ukrainische Anwälte verwirklichten Traum vom eigenen Café in Graz
Das Café "Guten Morgen" wird von zwei gebürtigen Ukrainern betrieben, die erst vor Kurzem in der Steiermark sesshaft wurden. Im Gespräch mit 5 Minuten berichten sie von ihrer "Reise" und von ihrer tiefen Dankbarkeit.
Serhii Terokhin und seine Frau Anastasiia Smolyana eröffneten im Herbst ein Lokal am Grieskai 44. Dort servieren sie verschiedene Backwaren, hauptsächlich auf Blätterteig-Basis und mit verschiedenen Füllungen (süß und pikant). Mittags wird dort zum fairen Preisen aufgekocht. Was besonders ins Auge sticht? Kaffee-Preise wie in Italien – den Espresso gibt es um einen Euro. Das Paar wohnt jedoch erst seit etwas mehr als einem Jahr gemeinsam in Österreich. Im Interview mit 5 Minuten erzählt Terokhin ihre gemeinsame Geschichte.
Die Steiermark wurde zum neuen Heim
„Meine Familie und ich kamen im März 2022 nach Kriegsbeginn aus der Ukraine nach Österreich. Meine Frau hat bisher nicht in Österreich gelebt. Ich hatte von 2010 bis 2016 ein österreichisches Visum. Bei meinem ersten Besuch in Österreich gaben mir meine Dokumente keine Möglichkeit, zu arbeiten oder ein eigenes Unternehmen zu gründen“, so berichtet Terokhin von den anfänglichen Komplikationen. Nach dem holprigen Start konnte das Paar jedoch in der steirischen Landeshauptstadt Fuß fassen, die beiden sind „Österreich dafür sehr dankbar“. Zusätzlich wollen sie die Unterstützung der Stadt Graz honorieren, die den Ukrainern, die aufgrund des Krieges nach Österreich kamen, zugute kam.
Vom Gericht zur Theke
Das Ehepaar wollte sich in der Gastro verwirklichen, weshalb der Traum vom eigenen Café entstand. Von Beruf ist der gebürtige Ukrainer ursprünglich Rechtsanwalt. Seine Frau ist ebenfalls Anwältin, hat aber auch eine Sonderausbildung und ist professionelle Köchin. „In der Ukraine war ich Staatsanwalt, Richter und jetzt bin ich Anwalt. Aber in unserem Café arbeite ich als Barkeeper, Kellner und Reinigungskraft“, so berichtet Terokhin von seinem abwechslungsreichen Alltag. Seine Frau hatte bereits in Ungarn ein eigenes Café und arbeitete auch als Köchin in Restaurants in Bulgarien und Belgien, weshalb sie reichlich Erfahrung in diesem Bereich mitbrachte.
Leckeres Essen zu fairen Preisen
„Mit der Eröffnung unseres kleinen Cafés wollten wir den Grazerinnen und Grazern sowohl die ukrainische Küche als auch die Küche anderer Nationen, beispielsweise die Küche Georgiens, Moldawiens und Rumäniens, näher bringen. Darüber hinaus möchten wir unsere Gäste an den Geschmack der altösterreichischen Küche erinnern, der weitgehend in Vergessenheit geraten ist“, so das Konzept nach welchem im „Guten Morgen“ aufgekocht wird. Alle Menschen sollen die Möglichkeit haben, leckeres Essen zu günstigen Preisen zu genießen. Deshalb kosten alle Backwaren mit Käse oder Fleisch zwischen 1,5 und 2 Euro. Eine große Portion eines warmen Gerichts gibt es für etwa 5 Euro.
Die ukrainische Kultur näherbringen
Essen gilt als verbindende Aktivität. Nicht umsonst trifft man sich gerne mit Familie, Freunden, Bekannten oder Arbeitskollegen, um gemeinsam zu speisen. So wird auch die Wahl der Speisen begründet: „Ukrainer in Österreich sind keine Fremden oder Unbekannten. Bis 1914 war der größte Bereich der Ukraine Teil des österreichischen Staates und Abgeordnete aus der Ukraine waren Teil des österreichischen Parlaments. Daher ist es unser Hauptziel, durch die ukrainische Küche, die ukrainische Kultur für Österreicher wiederzuentdecken und den Ukrainern dabei zu helfen, sich so gut wie möglich in die österreichische Gesellschaft zu integrieren“, so soll durch die Kulinarik ein Stück weit zur Inklusion beigetragen werden.
Jurist, Gastro-Betreiber und Schriftsteller?
Das Café soll außerdem Kunstschaffenden einen Raum bieten, die dort ihre Gemälde, Produkte oder Fotografien ausstellen können. Die Betreiber möchten eine kostenlose Bibliothek schaffen, in der jeder sein Lieblingsbuch mitbringen und es anderen überlassen kann. Der gebürtige Ukrainer hat neben seinen beiden sehr unterschiedlichen Beschäftigungen noch ein besonderes Hobby. „Da ich promovierter Jurist bin, habe ich persönliche kreative Pläne im Zusammenhang mit dem Schreiben eines Kriminalromans über einen österreichischen Polizeiinspektor, der sowohl allein als auch gemeinsam mit Kollegen Drogenhandel, Schmuggel und illegale Migration bekämpft. Darüber hinaus möchte ich in meinem Buch andere drängende Probleme der modernen Gesellschaft ansprechen, wie Einsamkeit, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern und den Niedergang der Kultur“, so verrät er der 5-Minuten-Redaktion.