Warnstreiks in der Sozialwirtschaft: „Der Zusammenhalt war bewegend“
Seit Dienstag wird in der Sozialwirtschaft gestreikt, Beschäftigte fordern mehr Lohn. Allein in der Steiermark finden vom 2. bis 4. Dezember Warnstreiks in über 90 Einrichtungen statt, so viele wie noch nie zuvor.
Seit DIenstag wird in der Sozialwirtschaft österreichweit gestreikt. Rund 130.000 Beschäftigten fordern 4 Prozent mehr Lohn. Nach drei Verhandlungsrunden ohne Einigung wollen sie bis Donnerstag mit Arbeitsniederlegungen Druck machen.
Warum gestreikt wird
In der dritten Runde der Kollektivvertragsverhandlungen legten die Arbeitgeber ein Angebot vor, das aus Sicht der Beschäftigten deutlich hinter ihren Erwartungen zurückbleibt. Vor dem Hintergrund von Inflation, hoher Belastung, Fachkräftemangel und wachsender Verantwortung im Sozialbereich wird das Angebot vielerorts als unzureichend und kaum verhandlungsfähig bewertet. Der Warnstreik bei Affido zeigt – ebenso wie zahlreiche weitere Protestaktionen in ganz Österreich –, dass es den Mitarbeitenden nicht um Symbolik geht, sondern um echte Verbesserungen. Die Gewerkschaften fordern daher eine spürbare und realistische Lohnerhöhung sowie bessere Arbeitsbedingungen. Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 11. Dezember angesetzt. Ob die Arbeitgeber bis dahin ein verbessertes Angebot präsentieren, ist noch unklar.
Warnstreiks in über 90 steirischen Einrichtungen
Hunderte Einrichtungen beteiligen sich an den Arbeitsniederlegungen, welche als Reaktion auf das „unzureichende Arbeitgeberangebot“ seit dieser Woche angelaufen sind. „Der heutige Warnstreik bei Affido am Steinberg in Thal bei Graz steht exemplarisch für die große Streikwelle, die sich über das gesamte Bundesgebiet zieht. Allein in der Steiermark finden vom 2. bis 4. Dezember Warnstreiks in über 90 Einrichtungen statt, so viele wie noch nie zuvor. Die Beteiligung ist überwältigend und zeigt, wie stark die Entschlossenheit der Beschäftigten ist, für faire Arbeitsbedingungen einzutreten“, heißt es von der Gewerkschaft am Dienstag.
„Das Leben wir teurer, die Löhne steigen aber nicht“
Florian Quinesser, Betriebsratsvorsitzender bei Affido, gibt im Gespräch mit 5 Minuten Einblicke in den Arbeitsalltag bei Affido und betont, dass „dieser sehr schöne, aber auch sehr herausfordernde Beruf“ mehr Wertschätzung – und diese eben auch in Form von gerechter Entlohnung – bedarf. Affido beschäftigt „großartige Mitarbeiter, die rund um die Uhr, sieben Tage die Woche mit größter Freude ihr Bestes geben“, betont Quinesser und kritisiert im Bezug auf die Gehaltsverhandlungen: „Das Leben wir teurer, die Löhne steigen aber nicht.“
Warnstreiks in Präsenz und online
„Am Dienstag sind wir bei Affido dem Auftrag der Gewerkschaft gefolgt, Warnstreiks abzuhalten“, berichtet der Betriebsrat von der gestrigen Streikaktion und erklärt weiter: „Das hat in hybrider Form stattgefunden: in Präsenz am Standort Hilmteich und beim Anton Afritsch Kinderdorf. Zusätzlich hat es auch eine Online-Option gegeben.“ In seiner fünfjährigen Betriebszugehörigkeit bei Affido hat der erst kürzlich gewählte Betriebsrat noch keinen Warnstreik erlebt. „Deshalb habe ich es umso bewegender gefunden, wie viele Menschen von ganz Affido gestern zusammengekommen sind. Es waren insgesamt fast 50 Kolleg:innen aus allen Fachbereichen. Zusätzlich haben uns noch Betriebsräte und Betriebsrätinnen aus anderen sozialen Einrichtungen unterstützt. So haben wir ein starkes Zeichen setzen können für die Politik, aber auch für die Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen, dass das derzeitige Angebot einfach unzureichend ist“, betont er.
Gemeinsam ein Zeichen setzen
„Der Zusammenhalt war bewegend. Es war eine coole Stimmung. Wir haben gemeinsam unsere Forderungen klar darlegen können. Es war bestärkend, Seite an Seite zu stehen, gemeinsam ein Zeichen zu setzen – für einen fairen Lohnabschluss und faire Arbeitsbedingungen“, resümiert Quinesser gegenüber 5 Minuten.
„Sind weiter streikbereit“
Anna-Katharina Obermüller, Mitarbeiterin von Affido äußert sich gegenüber 5 Minuten: „Ich bin unglaublich stolz ein Teil des Teams von Affido zu sein. Denn, was wir innerhalb 24 Stunden auf die Beine gestellt haben und einen Streik organisiert haben, wo so viele Leute dazugekommen sind, zeigt einfach, dass wir die Wertschätzung wirklich brauchen und dass wirklich etwas ins Rollen kommen muss. Wir sind auf jeden Fall weiter streikbereit.“
Weitere Stimmen zu dem Streik
Für Christian Maierhofer, Gewerkschaftssekretär der GPA, war der Aktionstag ein klares Signal an den Verband der Sozialunternehmer (SWÖ): „Das Angebot, das aktuell am Tisch liegt, ist schlicht nicht ausreichend. Die Beschäftigten haben sich eine spürbare Lohnerhöhung verdient. Jetzt müssen sich die Arbeitgeber endlich bewegen.“ Maierhofer betont, dass der Protest bei Affido „nur einer von vielen“ sei aber einer, der zeige, wie tief die Unzufriedenheit sitzt und wie groß die Streikbereitschaft geworden ist.
Mustafa Durmus, Gewerkschafter und Mitorganisator des Streiks, fand klare Worte zu den Prioritäten der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger: „Es ist ein Wahnsinn, dass in manchen Budgets mehr für Klopapier vorgesehen ist als für jene Menschen, die tagtäglich für andere da sind. Das zeigt, wie verschoben die Wertschätzung im Sozialbereich noch immer ist.“ Durmus betonte, dass die aktuellen Warnstreiks nicht nur ein arbeitsrechtliches Thema seien, sondern ein gesellschaftspolitisches.