Neun Monate nach Grazer Amoklauf: „Ich kann nicht mehr“
Monate nach dem Amoklauf im Juni 2025 am BORG Dreierschützengasse sitzt der Schock tief. Für viele endet der Albtraum nicht. Eine Mutter sagt gegenüber 5 Minuten: „Ich habe nicht mal mehr die Kraft, mir selbst Hilfe zu suchen.“
„Atmen, atmen“, waren die Worte, die ihr Verlobter am 10. Juni 2025 ununterbrochen zu ihr sagte. Durch einen Anruf erfuhr sie damals von dem Amoklauf an der Schule ihres Sohnes. Im Hintergrund fielen noch die Schüsse. „Im ersten Moment konnte ich das nicht realisieren, ich dachte, es wäre ein schlechter Scherz“, erzählt sie gegenüber 5 Minuten. Um ihren Sohn zu schützen, spricht die Mutter nur anonym. Erst als sie unmittelbar nach dem verstörenden Anruf selbst die Polizei kontaktierte und dort die Bestätigung erhielt, wurde ihr klar, dass es bitterer Ernst war.
Hoffnung auf Ruhe am Meer
Wenige Wochen nach der schrecklichen Tat fuhr die heute sichtlich erschöpfte Mutter mit ihrem Sohn nach Italien. Ein paar Tage Abstand, ein paar Tage am Meer. Damals schien es, als sei ihre Familie ganz gut darüber hinweggekommen. „Ich dachte wirklich, dass wir das schaffen.“ Doch bei traumatischen Erlebnissen ist die Verarbeitung ein komplexer und oft langwieriger Prozess. Die Folgen werden häufig erst viel später sichtbar.
„Die Schultasche stand den ganzen Sommer am selben Platz“
„Mein Sohn hat seine Schultasche die ganzen Sommerferien über nicht ausgepackt. Sie stand im September immer noch am selben Platz in seinem Zimmer“, berichtet sie. „Ich wollte ihm die Zeit geben, die er braucht.“ Heute sei es schwer, ihn zu motivieren – Hausübungen, Lernen, Alltag. „Es war noch nie ganz einfach, doch jetzt habe ich den Zugang völlig verloren.“ Erstmals brachte ihr Sohn in diesem Schuljahr zwei „Nicht genügend“ nach Hause.
Wenn auch die Mutter nicht mehr kann
Doch nicht nur ihr Sohn, auch sie selbst sei mittlerweile völlig erschöpft, erzählt die Mutter. Zum einen ist es die Sorge um ihr Kind, zum anderen bräuchte sie selbst dringend Hilfe, um das Geschehene zu verarbeiten. „Ich hoffe nur noch, dass das irgendwann aufhört.“ Hätte sie ihren Glauben nicht, sagt sie, wäre sie vermutlich schon längst zusammengebrochen. Aber selbst der Gang in die Kirche verlangt ihr viel ab. „Sobald ich in einer größeren Menschenansammlung bin, kommt alles wieder hoch.“
„Der Umbau ist noch immer nicht abgeschlossen“
Auch der Schulalltag ist für die Schüler am BORG nach wie vor weit entfernt von „Normalität“. Die Mutter erzählt weiter: „Der Umbau ist noch immer nicht abgeschlossen.“ Aus ihrer Sicht habe sich bis heute wenig getan. Für die Schulgemeinschaft bedeutet das auch neun Monate nach dem furchtbaren Ereignis, zwischen der Schule und dem Ausweichquartier AVL wechseln zu müssen. Und das oft in den Fünf-Minuten-Pausen. „Ich weiß nicht, warum das so lange dauert“, kritisiert sie.
Bildungsdirektion: Ende der Bauarbeiten bis August
Auf Nachfrage von 5 Minuten bestätigt auch die Bildungsdirektion Steiermark, dass „der Unterricht am BORG Dreierschützengasse derzeit weiterhin zwischen Stammgebäude und AVL+-Standort organisiert wird“. Dieses Modell solle einen stabilen Schulbetrieb während der Umbauphase gewährleisten. Die Finanzierung des ersten Bauabschnitts sei gesichert, bis Ende August sollen die Arbeiten abgeschlossen sein, damit „der Unterricht mit Beginn des Schuljahres 2026/27 wieder vollständig im Schulgebäude stattfinden kann“.
Erschöpfung & Hoffnung: Chaos der Gefühle
Zumindest ein kleiner Lichtblick für die Schülerinnen und Schüler. Und auch für die erschöpfte Mutter, die sich manchmal nicht einmal laut auszusprechen traut, wie es ihr wirklich geht. Immerhin lebe ihr Kind noch, sagt sie. Und dabei wird ein letztes Mal die emotionale Erschöpfung sichtbar, die ein Chaos an Gefühlen in ihr hinterlassen hat. Die Ereignisse haben bei allen tiefe Spuren hinterlassen. Die Aussicht auf Normalität lässt hoffen.