„Kein Arzt hat mir geglaubt“: Milena Bucek über Systemversagen und Tabus
Jahrelang litt sie, ohne ernst genommen zu werden. Heute kämpft die Grazerin Milena Bucek mit ihrer Plattform „Ovaryacted“ gegen Medical Gaslighting und Systemversagen in der Frauengesundheit und gibt Betroffenen eine Stimme.
Es beginnt oft leise. Mit Schmerzen, die niemand sieht. Mit Symptomen, die klein geredet werden. Mit Sätzen wie: „Das ist normal.“ Oder: „Das ist psychisch.“ Milena Bucek will genau dort nicht länger still sein. Die Grazerin, die viele aus der kreativen Szene kennen, hat mit ihrer Online-Plattform „Ovaryacted“ eine Bewegung gestartet, die Frauengesundheit enttabuisiert, radikal offen, persönlich und unbequem. Es geht um Endometriose, PCOS, PMDS, hormonelle Dysbalancen. Es geht um jahrelanges Nicht-ernst-genommen-Werden. Und um ein System, das Frauen oft erst zuhört, wenn sie laut werden.
Jahrelang selbst Informationen gesammelt
„Wirklich konkret zum Thema wurde es so in den letzten fünf Jahren“, sagt Bucek im Exklusiv-Gespräch mit 5 Minuten. Jahrelang habe sie selbst Informationen gesammelt, weil es ihr gesundheitlich schlecht gegangen sei. „Kein Arzt oder Ärztin konnte mir wirklich helfen.“ Der Wendepunkt kam nicht in einer Klinik, sondern in ihrem Tattoo-Studio. „Nahezu wöchentlich kamen Frauen zu mir tätowieren und erzählten mir, ohne zu wissen, dass ich mich mit dem Thema beschäftige, von ihrem Leidensdruck. Da wusste ich: Ich muss meine Reichweite nutzen und etwas tun.“
„Das glaube ich nicht nur, ich habe es erlebt“
Was viele Betroffene berichten, nennt man inzwischen „Medical Gaslighting“: das systematische Kleinreden oder Psychologisieren körperlicher Beschwerden. Bucek zögert keine Sekunde, wenn sie gefragt wird, ob es das wirklich gibt. „Das glaube ich nicht nur, das habe ich selbst am eigenen Leib erfahren.“ Sie erzählt von Ärzten, die sie wegen PMDS zum Psychiater schicken wollten. „Meine Problematiken waren aber weg, sobald die Regel einsetzte. Dass das mit Hormonen zu tun haben könnte, wollte mir niemand glauben.“ Für sie ist das kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. „Frauen und deren Hormone sind für viele Mediziner zu abstrakt. Vor allem, wenn man es sich leicht machen kann und einfach die Pille als Allwundermittel verschreibt.“ Besonders erschütternd findet sie die historische Dimension: „Frauen wurden über Jahrzehnte aus Studien ausgeschlossen, weil ihre Hormone zu viele Ressourcen in Anspruch genommen hätten. Und jetzt stehen wir da, mit so vielen unterschiedlichen Erkrankungen und niemand weiß wirklich, woher sie kommen oder wie man helfen kann.“
Wenn 18-Jährige um Hilfe flehen müssen
„Ovaryacted“ ist für Bucek keine reine Informationsplattform. Es ist ein Schutzraum. Ein Resonanzraum. Eine Community. Eine Geschichte hat sich besonders eingebrannt: „Eine 18-Jährige hat sich verzweifelt an mich gewandt. Sie litt seit Jahren unter starken Schmerzen. Ihre Gynäkologin hat sie einfach nicht ernst genommen.“ Für Bucek grenzt das an „unterlassene Hilfeleistung“. Sie vermittelte die junge Frau an eine andere Ärztin. Die Diagnose: Endometriose. „Die Erleichterung, endlich Klarheit zu haben und eine Ärztin, die sie ernst nimmt, das war unbeschreiblich schön.“
„Frauen müssen aus der Ohnmacht steigen“
Bucek bezeichnet sich selbst als feministische Aktivistin. Nicht aus Ideologie, sondern aus Notwendigkeit. „Auch wenn es mich traurig macht, dass es so etwas überhaupt geben muss.“ Ihr zentrales Anliegen: Frauen sollen lernen, für sich einzustehen. „Ich möchte Frauen ermutigen, aus der Ohnmacht zu steigen und für ihre Rechte als Patientinnen einzutreten.“ Und sie wird deutlich: „Wir haben ein Recht auf gute medizinische Behandlung und einen sensiblen Umgang mit unseren Körpern.“ Dazu gehöre auch, Ärztinnen und Ärzten „auf den Nerv zu gehen“, wenn nötig. Sich nicht klein machen zu lassen. Den eigenen Körper ernst zu nehmen.
Graz und die Hormone
In Graz sieht Bucek noch viel Luft nach oben. „Ich weiß, dass es in Wien einige Ärztinnen gibt, die sich mit Hormonersatztherapie befassen. In Graz findet man kaum wen.“ Aus eigener Erfahrung habe sie nur wenige Gynäkologinnen oder Gynäkologen erlebt, die sich wirklich fundiert mit Hormonen und Therapien auskennen. „Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen“, sagt sie mit einem halben Lächeln.
Was sich dringend ändern muss
Wenn sie drei Forderungen formulieren müsste? „Medizinisch: Patientinnen endlich ernst nehmen und umfassende Aufklärung für Frauen UND Männer, Mädchen UND Buben.“ Gesellschaftlich brauche es „mehr Offenheit von Frauen UND Männern“. Und politisch? „Mehr finanzielle Mittel für die weibliche Medizin und deren Forschung.“ Milena Bucek spricht ruhig, aber bestimmt. Was sie antreibt, ist kein Trendthema, sondern persönliche Erfahrung. „Ovaryacted“ ist für sie mehr als ein Projekt. Es ist eine Gegenbewegung zur Sprachlosigkeit. Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wenn eine Frau beschließt, nicht mehr leise zu leiden.