„Still sitzen“ schadet Kindern – Lehrerin spricht Klartext
Ulrike Lederer-Perl kennt das österreichische Schulsystem aus vielen Blickwinkeln und sieht darin zu wenig Raum für kindliche Entwicklung. Heute begleitet sie selbstständig Kinder und Familien in Wachstumsprozessen.
Als Volksschullehrerin sammelte sie Erfahrungen an einer privaten Montessori-Schule und an öffentlichen Volksschulen mit Klassen, in denen teilweise kein einziges Kind Deutsch als Muttersprache hatte. Deshalb hat die Diplompädagogin aus Gratwein-Straßengel einen weiten Blick auf das Schulsystem: auf dessen Schwächen und Entwicklungsmöglichkeiten. „Schule sollte ein Ort sein, der Entwicklung für Kinder möglich macht“, sagt sie. In der Realität erlebte sie jedoch oft das Gegenteil: „Macht und Einengung sind der falsche Weg.“
Kinder brauchen Raum für Entwicklung
„Wenn Kinder im Unterricht eingeengt und in ihrer Entwicklung gehemmt werden, brechen sie in den Pausen, im Turnen oder zu Hause umso stärker aus“, erklärt Lederer-Perl. Sie hat zahlreiche Zusatzausbildungen absolviert – von sensorischer Integration, Mental- und Gesundheitstraining über Montessori bis Pikler und Marte Meo®. „Ich liebe die Arbeit mit Kindern“, sagt sie, „umso größer war die Enttäuschung über die Blockaden, die mir während meiner Laufbahn als Lehrerin begegnet sind.“
Still sitzen statt Selbstregulation
„Die Bedürfnisse der Kinder bekommen in den Klassenzimmern zu wenig Raum“, findet Lederer-Perl. Kinder könnten sich kaum selbst regulieren, wenn sie gezwungen sind, ausschließlich „still zu sitzen“. „Konzentration und Aufmerksamkeit setzen ein sicheres Körpergefühl voraus. Gerade dieses können die Kinder aber vor allem durch frei gewählte Bewegung aufbauen.“ Unzufriedenheit gibt es häufig auf allen Seiten: Lehrer, Eltern und Schüler sind gleichermaßen frustriert. „Dabei wäre es so wichtig, dass vor allem Lehrer und Eltern zusammenarbeiten“, betont sie. „Weg vom gegenseitigen Bewerten, hin zu mehr Zusammenarbeit. Auch gemeinsam mit den Kindern.“
Beziehung statt Angst
In vielen Schulen erlebte sie, dass neue pädagogische Ansätze im bestehenden System auf Widerstand stoßen. „Es fehlt oft an der sozial-emotionalen Beziehung zwischen Lehrern und Kindern. Doch genau das ist entscheidend. Kinder brauchen Beziehungsaufbau statt Angst, um gut lernen zu können.“ Erschüttert habe sie, wenn Kollegen Kindern die Seite aus dem Heft reißen, weil die Aufgabe „nicht schön genug“ war, Kinder in der heutigen Zeit noch in die Ecke gestellt, mit verschränkten Armen sitzen müssen, ausgegrenzt oder verbal gedemütigt werden. „Das ist nicht nur pädagogisch falsch, sondern auch menschlich bedenklich.“
Erschöpfte Lehrer, belastendes System
Mit ihrer Haltung stößt Lederer-Perl nicht überall auf Zustimmung, doch sie bleibt hoffnungsvoll: „Meine Hoffnung ist, dass Schule irgendwann mitzieht und nicht länger die Augen verschließt.“ Sie betont dabei, dass sie ihre Kollegen nicht anklagen möchte: „Wir Lehrer sind oft erschöpft. Die Ohnmacht und Hilflosigkeit ist teils groß. Viele stehen unter Druck, weil sie ‚die Klasse im Griff haben‘ müssen.“ Gerade deshalb sucht sie selbst durch kontinuierliche Weiterbildung im Bereich emotionales und soziales Lernen nach Lösungen. Ihr fehlt insbesondere die Supervision für Lehrkräfte als fixer Bestandteil des Berufsalltags.
Schule neu denken
Für Lederer-Perl steht fest: Das Schulsystem braucht ein grundsätzliches Umdenken. „Alte Erziehungsmethoden wie Strafen, verkürzte Pausen oder das erzwungene Stillsitzen zeigen eigentlich nur die Hilflosigkeit der Lehrer – und darunter leiden die Kinder.“ Soziales Lernen brauche viel mehr Raum, doch dafür fehle meist die Zeit. „Außerdem weiß man, dass Bewegung das ist, was Kinder am meisten brauchen“, sagt sie. Daher müsse man schon bei der Gestaltung der Klassenräume ansetzen: „Es ist nicht artgerecht, wenn Volksschulkinder den halben Tag auf Sesseln sitzen müssen.“
Entwicklungsräume statt Druck
„Schule ist das zweite Zuhause für Kinder. Sie sollten dort Zuwendung, Orientierung und Wärme finden“, sagt Lederer-Perl. Die Realität sehe aber anders aus. Statt Hierarchiedenken setzt sie auf eine offene und respektvolle Gesprächskultur. Ihr Traum: Entwicklungsräume für Kinder statt Bewertungssysteme. „Orte, an denen ein multiprofessionelles Team aus Therapeuten, Psychologen und Pädagogen gemeinsam arbeitet.“
Die wichtigste Voraussetzung
Deshalb wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Heute begleitet sie Eltern von Anfang an bei der gesunden Entwicklung ihrer Kinder. „Ich begleite manche Kinder über Jahre. Auch die Eltern sehen, dass diese Ansätze funktionieren“, sagt sie. Immer mehr Menschen seien offen für neue pädagogische Wege. Neben der Arbeit mit Familien bietet sie inzwischen auch selbst Weiterbildungen für pädagogisches Fachpersonal an. „Ich wünsche mir, dass diese Haltung bald auch in die Schulen einzieht.“ Denn eines ist für sie klar: „Ich würde gerne wieder als Volksschullehrerin arbeiten, denn die Arbeit mit Kindern liegt mir sehr am Herzen“ Und genau das, findet sie, sei die wichtigste Voraussetzung für diesen Beruf.