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/ ©Ryan Irujo
250 Jahre USA – Vergangenes Wochenende feierte Ryan seine alte Heimat in seinem neuen Zuhause.
250 Jahre USA – Vergangenes Wochenende feierte Ryan seine alte Heimat in seinem neuen Zuhause.

Kulturschock Graz: „In Amerika willst du Geld, in Europa ein Leben“

Vom Texas nach Graz: Ryan Irujo tauschte 24-Stunden-Shops gegen Ladenschluss, Barbecue gegen Buschenschank und entdeckt dabei, warum Europa für ihn mehr Leben bedeutet als Amerika.

von Jasmin El-Ashi-Pöstinger
4 Minuten Lesezeit(818 Wörter)
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Der Moment, als Ryan Irujo (45) zum ersten Mal aus dem Flugzeugfenster auf Österreich blickte, hat sich eingebrannt:. „Ich sah die Berge und die kleinen Orte und dachte: Wow, ich bin in Europa.“ Geboren in Texas, ist er innerhalb der USA oft umgezogen. Kalifornien, Oregon, New Jersey, Georgia. Das Siedeln war für ihn nichts Neues. Der Kontinent am Ende schon: 2013 zog er gemeinsam mit seiner steirischen Partnerin, die er in den USA kennengelernt hatte, in die Murmetropole.

„Die Architektur ist ein Wahnsinn“

Was Ryan sofort auffiel, war die Bauweise. „Die Architektur ist ja ein Wahnsinn“, sagt er und lacht. Anders als in vielen Teilen der USA beeindruckten ihn in Graz vor allem die massiven Gebäude. „Selbst wenn du die Häuser berührst, spürst du: Ich bin in Europa.“ Als sein Vater ihn später erstmals hier besuchte, führte Ryan ihn direkt in einen Baumarkt. „Sein Spielplatz“, erklärt er. Auch bei ihm war die Begeisterung für die stabilen Baumaterialien groß, genau wie bei seinem Sohn.

22:00 Uhr: Alles zu

In den USA bekam Ryan Irujo rund um die Uhr alles. In Graz lernte er zuerst eines: um 20 Uhr ist Schluss. „Wenn ich um 21 Uhr gemerkt habe, dass mir etwas fehlt, bin ich in Amerika einfach ins nächste Geschäft gegangen.“ Doch in Graz war er plötzlich von Öffnungszeiten abhängig. Diese Umstellung brauchte Zeit. „Anfangs fuhr ich dann immer zum Spar beim Hauptbahnhof oder zum Flughafen.“ Mittlerweile habe er sich an die bewusste Einkaufsplanung gewöhnt. Interessant: Auch in den USA haben sich die Zeiten verändert. „Seit Covid sperren viele Geschäfte inzwischen ebenfalls früher zu.“

Zwischen Burger und Kernöl

Kulinarisch war der Wechsel ebenso spannend. „Was ich wirklich vermisse, sind die Tex-Mex-Küche und die Barbecues.“ Zweiteres vergleicht er mit der österreichischen Buschenschank Kultur: „So wie in Österreich jede Region ihre eigenen Spezialitäten in der Buschenschank bietet, ist es auch in den USA mit den Barbecues“, erklärt er. Neben den steirischen Jausen zählt Ryan inzwischen auch Kürbiskernöl zu seinen neuen kulinarischen Favoriten. Und wenn Freunde aus den Staaten nach Europa oder Österreich kommen, sagt Ryan: „Come to Graz, I’ll take you to a Buschenschank.“

Einsamkeit zwischen 16 und 24 Uhr

Die ersten Jahre in Graz durfte Ryan viel Neues sehen, erleben und lernen. Doch neben der Neugier, traf ihn auch die Einsamkeit. In der IT-Branche arbeitete er damals weiterhin für seine US-Firma. „Die Arbeitszeiten waren von 16 bis 24 Uhr europäischer Zeit. Da war es am Anfang wirklich schwer, neue Kontakte zu knüpfen.“ Während andere ihren Feierabend genossen, begann für ihn der Arbeitstag. Erst mit dem Wechsel zu einem norwegischen Unternehmen änderte sich das. „Jetzt habe ich normale Arbeitszeiten und das Unternehmen ist sehr familienfreundlich.“

Mehr Geld, weniger Leben?

Seine vielleicht prägnanteste Beobachtung fasst Ryan in einem Satz zusammen: „Wenn du Geld haben willst, geh‘ nach Amerika. Wenn du ein Leben haben willst, geh‘ nach Europa.“ Er sieht klare Unterschiede im System. In Europa schätzt er vor allem das soziale Netz: Versicherungen, Bildung vom Kindergarten bis zur Universität ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen und eine gewisse Sicherheit im Alltag. „Hier lässt sich das Leben einfach besser genießen.“ In den USA hingegen stehe das Geld viel mehr im Vordergrund.

„Real reaction“ in Graz

Auch im zwischenmenschlichen Umgang hat Ryan Unterschiede erkannt. „Hier muss man nicht jedem ständig das Gefühl geben, dass alles perfekt ist.“ Diese „Real Reaction“ schätzt er in Österreich. In den USA hingegen müsse man sich oft erst durch „Bullshit“ arbeiten, bis ehrliche Aussagen kommen. Gleichzeitig bringt er seine amerikanische Denkweise ein: „Ich sehe oft Möglichkeiten, die hier gar nicht gesehen werden.“ Während in Österreich vieles nach festen Konzepten abläuft, seien Amerikaner offener und optimistischer. Deswegen versteht er es gar nicht, wenn jemand sagt, es gäbe keine alternativen Möglichkeiten. Auch beim Verhandeln fiel ihm das auf. „In Amerika kannst du alles verhandeln, auch kleinere Beträge. In Graz geht das nur bei großen Anschaffungen wie Autos oder Häusern.“

250 Jahre Amerika in der Steiermark

Inzwischen, sagt Ryan, habe er das österreichische Denken in sein amerikanisches integriert. Aus Graz möchte er nicht mehr weg. Doch wenn Anfang Juli der amerikanische Unabhängigkeitstag näher rückt, bringt er ein Stück USA in die Steiermark. Auch vergangenes Wochenende organisierte er mit Freunden wieder ein Fest zum 4. Juli. Zur 250 Jahre USA-Feier gab es dort frittierte Truthähne, gute Stimmung, ein großes Feuerwerk und rund 50 Gäste. „Nur 30 bis 40 Prozent davon sind Amerikaner“, erzählt er. Der Rest sind Freunde aus unterschiedlichsten Ländern. Genau das repräsentiert für ihn den „American Spirit“: Offenheit, Gemeinschaft und das Gefühl, willkommen zu sein. Oder, wie er selbst sagt: „Come and have a great time!“

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