Schon im Kindergarten entscheidet sich viel: Uni Graz startet Bildungsprojekt
Schon im Kindergarten können sich Bildungsunterschiede bemerkbar machen. Ein internationales Projekt unter Leitung der Uni Graz will deshalb für mehr Chancengleichheit bei den Jüngsten sorgen.
Sprachliche Schwierigkeiten, familiäre Probleme oder gesundheitliche Beeinträchtigungen: Ungleiche Bildungschancen beginnen nicht erst in der Schule. Bereits in Kinderkrippen und Kindergärten stehen Pädagoginnen und Pädagogen vor wachsenden Herausforderungen. Ein von der Universität Graz geleitetes internationales Forschungsprojekt will deshalb herausfinden, wie Nachteile möglichst früh ausgeglichen werden können. „Krippe und Kindergarten sind ein Abbild unserer Gesellschaft, auch sie sind heterogener geworden“, erklärt Eva Pölzl-Stefanec vom Zentrum für Professionalisierung der Elementarpädagogik der Universität Graz. Bereits bei Kindern unter sechs Jahren zeigten sich unterschiedliche Voraussetzungen und Förderbedürfnisse. Neben sprachlichen Defiziten, gesundheitlichen Beeinträchtigungen und schwierigen familiären Situationen beobachten Fachkräfte laut der Forscherin auch Probleme im sozialen und emotionalen Bereich. „Es bestehen zunehmend Probleme, Konflikte zu lösen oder Emotionen zu regulieren“, berichtet Pölzl-Stefanec.
Grazer Uni leitet internationales Projekt
Mit dem EU-Projekt „Playing and Learning for Equal Opportunities and Success“, kurz PLEOS, sollen nun konkrete Ansätze für mehr Chancengerechtigkeit in der frühkindlichen Bildung entwickelt werden. Unter der Leitung der Universität Graz arbeiten Wissenschaftler aus Österreich, Norwegen, Tschechien und Griechenland zusammen. Beteiligt sind neben der Uni Graz die Universitäten Stavanger, Karlova in Prag und West Attica in Athen. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Werkzeuge Elementarpädagogen benötigen, um mit den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder besser umgehen und Benachteiligungen möglichst früh erkennen zu können.
Personalmangel verschärft die Situation
Eine Herausforderung verbindet alle vier beteiligten Länder: Es fehlt an Personal. „Die Fachkräfte sind sehr engagiert“, betont Pölzl-Stefanec. Gleichzeitig könne die hohe Belastung dazu führen, dass bestehende Ungleichheiten schwerer erkannt werden. Dafür brauche es sowohl Zeit als auch entsprechende Fachkenntnisse. Besonders Kinder, die sich eher unauffällig und ruhig verhalten, könnten ansonsten aus dem Blick geraten, warnt die Bildungsexpertin. Derzeit untersuchen die Forschenden genauer, welche Faktoren Chancengerechtigkeit in Kinderkrippen und Kindergärten fördern und welche sie behindern.
Was Österreich von anderen Ländern lernen kann
Dabei richtet sich der Blick bewusst über die Landesgrenzen hinaus. Die Systeme der beteiligten Länder unterscheiden sich zum Teil deutlich. In Norwegen gibt es beispielsweise unabhängig vom Wohnort bereits ab dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Gleichzeitig spielt dort das Wohlbefinden der Kinder eine zentrale Rolle. In Tschechien wiederum wird laut Projekt ein stärkerer Schwerpunkt auf die Unterstützung beim kognitiven Lernen gelegt. In Österreich werden Einrichtungen für Kinder von null bis sechs Jahren als Bildungsinstitutionen verstanden, wobei sich die Rahmenbedingungen zwischen den einzelnen Bundesländern unterscheiden.
„Investitionen rechnen sich doppelt“
Für die Projektpartner steht fest, dass es neben genügend Betreuungsplätzen vor allem eine qualitativ hochwertige Betreuung durch entsprechend ausgebildete Fachkräfte braucht. Pölzl-Stefanec sieht darin auch eine langfristige Investition: „Investitionen in den Bereich rechnen sich doppelt: Sie bringen dem Staat die höchste gesellschaftliche Rendite. Gleichzeitig gleichen sie frühe Bildungschancen aus, bevor sich soziale Ungleichheiten dauerhaft verfestigen.“ Das Forschungsprojekt soll damit Wege aufzeigen, wie Kinder unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Sprache oder ihren persönlichen Lebensumständen möglichst vergleichbare Voraussetzungen für ihren weiteren Bildungsweg erhalten können.