Kärntner Landtag thematisierte Großprojekt 380-kV-Leitung
Mit dem in Planung befindlichen Großprojekt der 380-kV-Leitung von Osttirol nach Obersielach bei Völkermarkt befasste man sich am vergangenen Donnerstag im Kärntner Landtag in einer öffentlichen Enquete.
In seinen Eröffnungsworten hob Landtagspräsident Andreas Scherwitzl hervor, dass die Enquete auf sachlicher Ebene einen Überblick über die unterschiedlichsten Sichtweisen zur Fragestellung geben solle. „Wir leben im Zeitalter der technologischen Revolution, dabei geht es vor allem darum, digitale Souveränität zu erlangen“, so Scherwitzl. Dazu brauche man eine intakte Versorgung mit Glasfaserinfrastruktur und elektrischer Energie, dies sei nur durch entsprechende technische Entwicklungen möglich. „Wir entscheiden, ob wir am Kutschbock sitzen, oder unter die Räder kommen“, so der Landtagspräsident. Das Großprojekt sorgt in Kärnten seit geraumer Zeit für Diskussionen.
Interessen von Mensch und Natur berücksichtigen
Wirtschaftslandesrat Sebastian Schuschnig strich heraus, dass es entscheidend sei, die Interessen von Mensch und Natur zu berücksichtigen. Er stellte fest, dass der Projektwerber APG bei der Trassenauswahl dem menschlichen Siedlungsgebiet näher gerückt sei, um Naturschutzgebieten auszuweichen. Hier gelte es Änderungen vorzunehmen, denn „Naturschutzgebiete vertragen das Durchführen einer Stromleitung, und wo dies derzeit nicht geht, haben wir als Kärntner Landesregierung dafür zu sorgen, dass dies möglich ist. In diesem Zusammenhang ist mir der Schutz der Kärntner Bevölkerung wichtiger als der Schutz von Amphibien und Insekten.“
„No-regret Maßname“
Als erster Referent sprach Thomas Kienberger vom Department Umwelt- und Energieverfahrenstechnik an der Montanuniversität Leoben über die Notwendigkeit, erneuerbare Energien weiter auszubauen, um konkurrenzfähige Strompreise zu gewährleisten. Dabei trage eine Verstärkung der Übertragungsnetze laut Kienberger dazu bei, „Preisunterschiede zwischen europäischen Gebotszonen zu verringern und den Redispatch-Bedarf zu reduzieren.“ Beides baue Systemineffizienzen ab und erhöhe die Versorgungssicherheit. Der Stromnetzausbau zwischen Obersielach und Lienz ist für Kienberger eine „No-regret Maßnahme, die sich in allen von uns untersuchten Szenarien als technologisch und ökonomisch sinnvoll darstellt.“
Wirtschaftliche Aspekte der 380-kV-Leitung
Der Klagenfurter Unternehmensberater Peter Unterluggauer hob in seinem Vortag die wirtschaftlichen Aspekte des geplanten 380-kV-Projektes hervor sowie die generelle Ausrichtung der österreichischen Energiewende. Unterluggauer empfahl, die österreichische Energiewende neu auszurichten und zu planen: „Weg von einer nicht leistbaren Luxusenergiewende hin zu einer Planung auf Basis realistischer Strombedarfsprognosen für die Jahre 2030 und 2040.“ Laut Unterluggauer stagniere der Stromverbrauch seit 2018, daher solle in Kärnten die bestehende 220kV-Leitung aufgerüstet werden.
Einfluss auf die Gesundheit
Die gesundheitlichen Auswirkungen des Großprojektes thematisierte Humanmediziner Michael Jungwirth, Amtsarzt und umweltmedizinischer Gutachter beim Amt der Niederösterreichischen Landesregierung in seinem Vortrag. Jungwirth strich heraus, dass Stromleitungen einen Einfluss auf die Gesundheit haben, aber anders als viele glauben. Strom beeinflusse die Gesundheit und zwar dann, wenn keiner mehr da sei, so Jungwirth: „Der Black-Out ist eine ernsthafte Gefahr für die menschliche Gesundheit. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Strom-Erzeuger und Strom-Abnehmer und ein stabiles und leistungsfähiges Netz beugen dem vor“, so Jungwirth in seinen Ausführungen.
„Bedarfsorientierte Verstärkung der 220kV-Leitung“
Der Sprecher der Bürgerinitiative „Anrainerprotest gegen 380kV“, Michael Steiner, stellte das 380-kV-Leitungsprojekt aus Sicht der Bürgerinitiative dar. Steiner wünscht sich die Erhaltung des Lebensraumes für Mensch und den Schutz der Natur sowie den Ausbau der bestehenden Trassenführung und keine zweite Trasse. „Es braucht eine bedarfsorientierte Verstärkung der 220kV-Leitung, eine Verkabelung in sensiblen Gebieten sowie die Forcierung möglicher Alternativen wie Speicherung des Stroms am Ort der Entstehung“, fasste Steiner zusammen.
„Sichere und verlässliche Energieversorgung ist die Basis“
„Eine sichere und verlässliche Energieversorgung ist die Basis für einen starken Wirtschaftsstandort und die Lebensqualität der Menschen in Kärnten“, halten die Sozialpartner bei der Enquete des Kärtner Landtages fest. Das Projekt „Netzraum Kärnten“ bilde die zentrale Voraussetzung für die Zukunft des Wirtschafts- und Arbeitsstandortes Kärnten. Werde das Stromnetz nicht ausgebaut, könnten Unternehmen nicht wachsen, Investitionen blieben aus und entscheidende Wertschöpfungspotenziale gingen verloren. „Netzraum Kärnten“ sei also weit mehr als nur technische Infrastruktur. „Sichere Arbeitsplätze brauchen sichere Energie. Der Netzausbau schützt nicht nur bestehende Jobs, sondern schafft neue Beschäftigungsmöglichkeiten – von der Bauphase der Leitungen bis hin zu innovativen Hightech-Branchen. Für kommende Generationen ist eine stabile, erneuerbare Energieversorgung die Basis für faire Chancen und ein gutes Leben in Kärnten“, streicht AK-Präsident Günther Goach hervor.
Appell der Sozialpartner
Timo Springer, Präsident der Industriellenvereinigung Kärnten, weist eindringlich auf die Notwendigkeit des Projekts hin: „Die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes und die industrielle Basis Kärntens sind ohne Entlastungen, insbesondere bei den Energiekosten, und ohne den Ausbau der 380-kV-Leitung massiv gefährdet.“ Die energieintensive Industrie stehe vor einer Transformation, die bis 2040 zu einer Verdopplung des Strombedarfs führe und ein leistungsfähiges, leistbares und zukunftssicheres Übertragungsnetz unabdingbar mache. Er betont weiters: „Nur mit klarer politischer Prioritätensetzung und Planungssicherheit können Investitionen erfolgen und eine weitere schleichende Deindustrialisierung verhindert werden.“ Die Sozialpartner appellieren an alle Beteiligten, dieses Jahrhundertprojekt ohne weitere Verzögerungen umzusetzen.
Team Kärnten: „wo möglich auf Erdverkabelung setzen“
„Der Schutz der Bevölkerung muss zu jeder Zeit im Mittelpunkt stehen und es muss auf die Bedürfnisse der Menschen vollends Rücksicht genommen werden. Mensch vor Umwelt und vor allem vor Konzerninteressen muss die Devise lauten“, fasst Team Kärnten-Chef Bürgermeister Gerhard Köfer der von ihm initiierten Landtagsenquete zu Alternativen und Auswirkungen des 380-kV-Leitungsprojektes in Kärnten zusammen: „Allein das große Interesse der Bevölkerung an dieser Enquete, die sehr sachlich geführt wurde, zeigt, wie richtig die Entscheidung war, die Abhaltung dieses Formates zu beantragen. Die fachlichen Beiträge haben eine Vielzahl an wichtigen Inputs geliefert, die in der weiteren Projektentwicklung jedenfalls Berücksichtigung finden müssen. Es muss in vielen Bereichen nachgebessert werden.“ Köfer vertritt auch weiterhin den Standpunkt, wo möglich auf Erdverkabelung zu setzen: „Dafür habe ich auch ein entsprechendes Volksbegehren – Erdverkabelung statt Monstermasten – gestartet, das von der Bevölkerung nach wie vor bei jeder Gemeinde und auch online unterschrieben werden kann.“ Außerdem müsse seiner Ansicht nach das Thema der gesundheitlichen Auswirkungen des Projekts stärker beachtet werden.