Gewalttrend bei Kindern? Experte klärt auf
Eine aktuelle Polizeibilanz zeigt, dass immer mehr Tatverdächtige sehr jung sind. Wir haben mit einem Experten über diesen besorgniserregenden Trend gesprochen. Er erklärt auch, warum die Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind.
Vor Kurzem wurde seitens der Landespolizeidirektion Kärnten eine besorgniserregende Bilanz veröffentlicht: Die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen unter 21 Jahren ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen. Vor allem bei den jüngsten Täterinnen und Tätern zeigt sich ein markantes Plus: Bei den Unter-Zehnjährigen wurde eine Zunahme von 42,5 Prozent seit 2016 verzeichnet. Auch bei den Zehn- bis Vierzehnjährigen stieg die Zahl der Tatverdächtigen um 17 Prozent an.
Experte spricht Klartext
Doch wie sind diese Zahlen zu bewerten? Wir haben bei einem Experten nachgefragt. Thomas Preßlauer, Geschäftsführer und Bereichsleiter der DELFI-Kinderschutzzentren Kärnten, analysiert im 5-Minuten-Interview die oben genannten Trends und erklärt, warum eine Zunahme an ermittelten jungen Tatverdächtigen nicht unbedingt einen Anstieg in der Jugendkriminalität bedeuten muss.
Interview mit Thomas Preßlauer von den DELFI-Kinderschutzzentren
5 Minuten: Herr Preßlauer, wie bewerten Sie die aktuellen Zahlen der Landespolizeidirektion hinsichtlich der Zunahme von Gewaltdelikten unter Kindern?
Thomas Preßlauer: Die aktuellen Zahlen sind aus unserer Sicht jedenfalls ernst zu nehmen. Gleichzeitig ist wichtig zu betonen, dass wir in den Kinderschutzzentren seit jeher mit Grenzüberschreitungen, Konflikten und auch gewalttätigem Verhalten unter Kindern und Jugendlichen konfrontiert sind – das ist kein völlig neues Phänomen.
Was sich aus unserer Wahrnehmung verändert hat, ist weniger das grundsätzliche Vorkommen solcher Situationen, sondern möglicherweise der Umgang damit: Es scheint, dass Vorfälle häufiger zur Anzeige gebracht oder externe Stellen wie die Polizei früher eingebunden werden. Dadurch wird mehr sichtbar, was früher teilweise im sozialen Umfeld, in Familien oder Schulen bearbeitet wurde.
Entscheidend ist daher eine differenzierte Betrachtung: Hinter den Zahlen stehen Kinder, die häufig selbst unter Belastungen stehen und Unterstützung benötigen – nicht nur Sanktion.
Spiegelt sich dieser Trend auch in den Beratungen bzw. Fallzahlen der DELFI-Kinderschutzzentren wider?
Wir nehmen durchaus wahr, dass mehr Vorfälle zur Anzeige gebracht werden. Gleichzeitig sehen wir in unserer Arbeit nicht, dass es grundsätzlich mehr Grenzüberschreitungen unter Kindern gibt.
Als DELFI Kinderschutzzentren arbeiten wir oft früher, präventiv und therapeutisch, weshalb unsere Daten nicht direkt mit der Kriminalstatistik vergleichbar sind. Was wir jedoch klar beobachten, ist eine zunehmende Belastung in Familien und im Erziehungsalltag.
Welche Hauptfaktoren sehen Sie hinter dem steigenden Konflikt- und Gewaltverhalten bei Kindern im Volksschulalter?
Wir sehen häufig Überforderung in Familien, fehlende stabile Strukturen, Schwierigkeiten in der Emotionsregulation sowie einen deutlich gestiegenen Medienkonsum bei gleichzeitig zu wenig Bewegung im Alltag vieler Kinder. Kinder zeigen mit ihrem Verhalten oft nicht „Bösartigkeit“, sondern Überforderung oder Belastung. Wenn ihnen verlässliche Orientierung, Beziehung und klare Grenzen fehlen, äußert sich das schneller in Konflikten oder auch in aggressivem Verhalten.
Glauben Sie, dass auch der Medienkonsum der Kinder hierbei eine Rolle spielt?
Ja, Medienkonsum spielt aus unserer Sicht eine Rolle – allerdings nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit anderen Faktoren. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Medien unbegleitet, zeitlich unbegrenzt oder nicht altersgerecht genutzt werden.
Wir beobachten dabei insbesondere, dass algorithmusgesteuerte soziale Medien Kinder in sehr einseitige Inhalte führen können und sie mit nicht altersadäquaten, stark reizintensiven und teilweise suchtfördernden Inhalten konfrontiert sind. Das kann Auswirkungen auf Schlaf, Konzentration und Emotionsregulation haben.
Entscheidend ist jedoch immer der Rahmen: elterliche Begleitung, klare Regeln und ausreichend Bewegung sowie soziale Erfahrungen im Alltag.
Woran liegt es Ihrer Erfahrung nach, dass Kinder heutzutage häufiger Grenzen überschreiten oder aggressives Verhalten zeigen?
Aus unserer Sicht hat das weniger damit zu tun, dass Kinder „schwieriger“ geworden sind, sondern vielmehr mit veränderten Rahmenbedingungen. Viele Kinder wachsen heute in einem Alltag auf, der von hoher Reizdichte, weniger Bewegung und starkem Medienkonsum geprägt ist.
Wir beobachten auch, dass Kinder immer seltener Phasen von Langeweile erleben. Gerade diese Zeiten wären jedoch wichtig, um Kreativität, Selbstregulation und eigenständiges Spiel zu entwickeln. Stattdessen sind viele Kinder einer sehr dichten, oft durchgehend strukturierten oder medial geprägten Reizumgebung ausgesetzt.
Wenn klare Orientierung, verlässliche Beziehungen und konsistente Grenzen fehlen oder schwanken, fällt es Kindern deutlich schwerer, ihr Verhalten zu steuern. Grenzüberschreitungen sind dann häufig ein Ausdruck von Überforderung – nicht von Absicht.
Würden Sie sagen, dass eher Jungen oder Mädchen aggressives oder destruktives Verhalten an den Tag legen?
Pauschal lässt sich das so nicht beantworten. Tendenziell beobachten wir, dass Jungen häufiger durch offen sichtbares, impulsives oder körperlich aggressives Verhalten auffallen.
Mädchen zeigen Belastungen oft subtiler – etwa durch soziale Konflikte, Rückzug oder auch dadurch, dass sich Spannungen stärker gegen sich selbst richten, zum Beispiel in Form von selbstschädigendem Verhalten oder auffälligem Essverhalten. Entscheidend ist jedoch immer das einzelne Kind und sein Umfeld – nicht das Geschlecht.
Gibt es hinsichtlich des Auftretens von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen in Kärnten?
Wir sehen Auffälligkeiten sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum – das ist kein reines Stadt- oder Landphänomen. Unterschiede zeigen sich eher im Umgang damit.
In städtischen Regionen erleben wir häufig, dass schneller externe Unterstützungssysteme eingebunden werden. Im ländlichen Raum werden Probleme mitunter länger im familiären oder sozialen Umfeld gehalten, was auch mit geringerer Anonymität und höheren Hemmschwellen zusammenhängen kann.
Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass Kinder und Familien in allen Regionen möglichst früh Zugang zu Unterstützung erhalten.
Welche Warnsignale sollten Eltern ernst nehmen?
Eltern sollten vor allem Veränderungen im Verhalten ihres Kindes ernst nehmen. Dazu zählen etwa starke Gereiztheit, häufige Wutausbrüche, Rückzug, soziale Konflikte, körperliche Aggression oder ein plötzlicher Leistungsabfall in der Schule.
Auch wiederkehrende körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen ohne klare medizinische Ursache können ein Hinweis auf psychische Belastung sein. Wenn ein Kind insgesamt „nicht mehr wie sonst“ wirkt oder Spannungen zunehmend nach außen oder gegen sich selbst richtet, ist das ein wichtiges Signal. Grundsätzlich gilt: Lieber einmal zu früh Unterstützung holen als zu spät.
Was möchten Sie Eltern mitgeben, die derzeit das Gefühl haben, bei der Kindererziehung an ihre Grenzen zu stoßen?
Eltern, die das Gefühl haben, an ihre Grenzen zu stoßen, möchten wir vor allem eines mitgeben: Das ist etwas sehr Menschliches und kommt in fast allen Familien einmal vor – man muss damit nicht allein bleiben.
Es braucht nicht umsonst „ein ganzes Dorf“, um ein Kind groß zu ziehen. Erziehung ist anspruchsvoll, und es ist hilfreich, sich Unterstützung zu holen und Verantwortung auch teilen zu können.
Neben der Erziehung braucht ein Kind vor allem auch Beziehung. Eine tragfähige, verlässliche Beziehung von Anfang an ist eine wichtige Grundlage dafür, dass Kinder sich gut entwickeln können – und sie wird gerade in herausfordernden Phasen wie der Pubertät zu einem entscheidenden Halt.
Welche Unterstützungsangebote gibt es diesbezüglich in Kärnten?
In Kärnten gibt es ein gut ausgebautes Netz an Unterstützungsangeboten für Kinder, Jugendliche und Familien. Die fünf DELFI Kinderschutzzentren (www.kisz-ktn.at, Tel.: 05 7006 9000) bieten dabei eine zentrale Anlaufstelle mit kostenloser, vertraulicher und auf Wunsch auch anonymer Beratung, Krisenintervention sowie Psychotherapie und klinisch-psychologischer Behandlung für Kinder und Jugendliche. Für Bezugspersonen und Fachkräfte stehen Beratung und fachliche Unterstützung zur Verfügung.
Wenn man sich unsicher ist, wo man Hilfe bekommt, bietet die Plattform „Wohin – Kärntner Soziallotse“- www.wohin.or.at eine gute Orientierung, um passende Unterstützungsangebote in der Region zu finden
Über die DELFI-Kinderschutzzentren:
Die DELFI-Kinderschutzzentren haben es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder zu schützen und Eltern zu unterstützen. Ihr Angebot reicht von telefonischer Beratung und Information in der Krise und psychotherapeutischer Behandlung für Kinder und Jugendliche über Prozessbegleitung bis hin zur Familienberatung. Außerdem werden Vorträge und Workshops zu allen Formen von Gewalt und zu Gewaltprävention angeboten.