3.000 Stimmen gegen den Strom: Petition fordert Umdenken bei 380-kV-Monster
Ilse Wirth kämpft gegen die Mega-Leitung in Kärnten. Die Radiologie-Technologin warnt vor Strahlung und Naturzerstörung. Mit über 3.000 Unterschriften im Rücken fordert sie moderne Erdkabel statt riesiger Strommasten.
Wenn Ilse Wirth (53) aus dem Fenster ihres Einfamilienhauses in Köstenberg blickt, sieht sie noch die idyllische Kärntner Natur. Doch am Horizont braut sich etwas zusammen, das sie im Gespräch mit 5 Minuten „das Monster“ nennt. Eine 380-kV-Freileitung soll sich bald quer durch das Land fressen – direkt an den Lebensräumen von Familien, Tieren und Senioren vorbei.
„Das können wir unseren Kindern nicht antun“
Für die zweifache Mutter ist das Projekt ein Schlag ins Gesicht der nächsten Generation. „Ich kann mir nicht mehr in die Augen schauen, wenn meine Kinder mich später fragen: Wie konntet ihr das zulassen?“, sagt sie mit fester Stimme. Besonders ihre 93-jährige Mutter, die mit im Haus lebt, versteht die Welt nicht mehr. Warum muss der Kärntner Lebensraum für eine Stromautobahn geopfert werden, deren Energie oft gar nicht hierbleibt?
Expertin warnt: Strahlung ohne Schutz
Ilse Wirth ist keine Laiin, wenn es um unsichtbare Gefahren geht. Als Radiologie-Technologin im LKH Villach gehört Strahlung zu ihrem Berufsalltag. „Im Job schütze ich mich mit einer schweren Bleischürze. Doch gegen diese Masten haben die Anrainer keine Chance“, warnt sie. Sie kritisiert die österreichischen Grenzwerte scharf: „In Italien oder Slowenien seien die Regeln deutlich strenger – dort dürften solche Leitungen niemals so nah an Wohnhäusern oder Spielplätzen stehen,“ meint Wirth.
Der Aufstand der „Munteren“
Sie hat genug vom Zuschauen. Im vergangenen Jahr startete sie eine Online-Petition, die viele Kärntnerinnen und Kärntner berührte. Über 3.000 Menschen haben bereits unterzeichnet, weitere 100 gaben ihre Stimme analog ab. Ihr Ziel: Die Politik wachrütteln. „Wir sind nicht gegen die Stromversorgung“, stellt sie klar, „aber wir fordern Lösungen des 21. Jahrhunderts! Warum keine Erdkabel? Warum wird unsere Natur zerstört, während wir selbst als PV-Produzenten unsere Energie längst speichern?“
Showdown im Landhaus
Morgen früh wird es ernst. Ilse Wirth wird die Unterschriftenliste an den 1. Landtagspräsidenten Andreas Scherwitzl übergeben. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Kampfes, der von Osttirol bis Unterkärnten Wellen schlägt. Gemeinsam mit dem Verein „Lebensraum Kärnten ohne Stromfreileitungen“ will sie den Druck auf die Landesregierung und die Projektverantwortlichen erhöhen. Ihr Appell an alle Kärntnerinnen und Kärntner: „Die Menschen müssen munter werden! Es geht um unsere Lebensqualität, nicht um den Profit der Konzerne.“
„Sicherheit und fairer Ausgleich im Fokus“
Doch während der Widerstand wächst, zieht die Austrian Power Grid (APG) eine positive Zwischenbilanz des Großprojekts. Projektleiter Wolfgang Hafner betonte unlängst, dass man bereits mit 26 der 36 betroffenen Gemeinden eine Einigung über die Trassenführung erzielt habe. „Wir haben die ursprüngliche Grobtrasse bereits zu 20 Prozent angepasst, um auf lokale Wünsche einzugehen“, so Hafner. Das Ziel sei es, die Zahl der Häuser in unmittelbarer Nähe in den einstelligen Bereich zu bringen – für diese wenigen Härtefälle gebe es aber auch Ablöseverhandlungen. Auch die massiven gesundheitlichen Sorgen versucht die APG mit medizinischer Expertise zu entkräften. Der Umweltmediziner Heinz Fuchsig, der als unabhängiger Gutachter geladen war, sieht keine Gefährdung der menschlichen Gesundheit. Er verweist auf die harten Fakten der Strahlungsbelastung: Während die WHO einen Grenzwert von 200 Mikrotesla vorgibt und Österreich diesen bereits streng auf 100 halbiert hat, werde man bei diesem Projekt bei fast allen Objekten sogar unter fünf Mikrotesla bleiben. „Es kann jeder weiterhin ruhig schlafen“, so Fuchsig, da die Sicherheitsabstände weit über das geforderte Maß hinausgingen.
98.000 Euro pro Kilometer
Neben der technischen Sicherheit setzt die APG auf finanzielle Fairness. Jede betroffene Waldparzelle werde durch gerichtlich beeidete Sachverständige individuell bewertet, um eine gerechte Entschädigung zu garantieren. Zudem lockt ein finanzieller Bonus für die Region: Das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz sieht vor, dass Gemeinden für die Errichtung der Leitung rund 98.000 Euro pro Kilometer erhalten könnten. Während Ilse Wirth also um die Natur Kärntens und die Gesundheit ihrer Familie bangt, sieht die APG ein sorgfältig geprüftes Projekt, das durch Entschädigungen und strengste Grenzwert-Unterschreitungen die Versorgungssicherheit des Landes garantieren soll. Ob der finanzielle Ausgleich und die medizinischen Entwarnungen den Widerstand der „Munteren“ brechen können, wird sich spätestens morgen bei der Unterschriftenübergabe zeigen.