„Österreich, das Land der Mieter“: Experte warnt vor Wohnungsproblem
Wohnen wird teurer, Eigentum schwerer erreichbar und gleichzeitig wird zu wenig gebaut. Beim Sommercocktail der Kärntner Immobilienwirtschaft zeichnete Ökonom Jan Kluge ein klares Bild der Herausforderungen am Wohnungsmarkt.
Zu Gast bei Kärntens Immobilienwirtschaft
Beim Sommercocktail der Fachgruppe Immobilien- und Vermögenstreuhänder in Kärnten war mit Dr. Jan Kluge ein prominenter Wirtschaftsexperte zu Gast. Der Ökonom der Agenda Austria nutzte sein Impulsreferat, um über die Zukunft des Wohnens, den Immobilienmarkt und die Bedeutung von Eigentum zu sprechen. Die Agenda Austria bezeichnet Kluge als den ersten und bis heute einzigen vollständig unabhängigen Think Tank Österreichs – unabhängig von Staat, Parteien, Kammern und öffentlichen Geldern. Diese Unabhängigkeit ermögliche es, eigene Schwerpunkte zu setzen und wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen zu formulieren.
Rund die Hälfte der Haushalte wohnt zur Miete
Ein zentraler Punkt seines Vortrags war die vergleichsweise niedrige Eigentumsquote in Österreich. Laut Kluge lebt rund die Hälfte der Haushalte zur Miete. Im europäischen Vergleich liege Österreich damit weit hinten. „Wer Eigentum besitzt, kann von Wertsteigerungen profitieren. Als Mieter ist das nicht möglich“, erklärte der Ökonom. Mieten bedeute letztlich auch, regelmäßig Geld an jemanden zu zahlen, der in vielen Fällen über mehr Vermögen verfüge. Gleichzeitig kritisierte er die starke Regulierung des Mietmarktes. Nur ein kleiner Teil der Mieten sei in Österreich tatsächlich frei vereinbar, während der Großteil gesetzlichen Vorgaben unterliege.
Wer baut die Wohnungen von morgen?
Besonders kritisch sieht Kluge die Entwicklung im Wohnbau. Die Zahl der Baugenehmigungen befinde sich auf einem Tiefstand. Die Gründe dafür seien vielfältig: gestiegene Zinsen, hohe Baukosten, Fachkräftemangel und wirtschaftliche Unsicherheit. Hinzu komme, dass Investoren derzeit keine langfristige Planungssicherheit hätten. Diskussionen über Mietpreisbremsen oder neue Regelungen würden das Risiko erhöhen und Investitionen weniger attraktiv machen. „Wenn weniger gebaut wird, wird das Angebot in Zukunft noch knapper“, warnte Kluge.
Eigentum für junge Menschen immer schwieriger
Dass der Traum vom Eigenheim für viele junge Familien schwieriger geworden ist, räumte der Wirtschaftsexperte offen ein. Höhere Finanzierungskosten, gestiegene Baupreise und strengere Kreditvergaben würden den Erwerb von Eigentum erschweren. Allerdings spricht sich Kluge nicht für großzügige staatliche Zuschüsse aus. Stattdessen sieht er Potenzial bei den Kaufnebenkosten und Gebühren, die beim Immobilienerwerb anfallen. Auch steuerliche Erleichterungen bei Finanzierungskosten für selbst genutztes Eigentum seien denkbar.
Kaufen oder mieten? Die Antwort ist individuell
Eine pauschale Empfehlung wollte der Ökonom nicht aussprechen. Ob Kauf oder Miete die bessere Entscheidung sei, hänge von der persönlichen Lebenssituation ab. Entscheidend seien Fragen wie die berufliche Mobilität, die Familienplanung oder die Bereitschaft, langfristig an einem Ort zu bleiben. Auch alternative Anlageformen wie ETFs könnten für manche Menschen sinnvoller sein als der Kauf einer Immobilie.
Klare Warnung beim Thema Pension
Besonders deutlich wurde Kluge beim Blick in die Zukunft. Viele Menschen würden sich seiner Ansicht nach zu sehr auf das staatliche Pensionssystem verlassen. „Private Altersvorsorge wird künftig immer wichtiger werden“, machte der Ökonom deutlich. Eigentum könne dabei ein wichtiger Baustein sein, müsse es aber nicht zwingend. Entscheidend sei, überhaupt Vermögen aufzubauen und für das Alter vorzusorgen. Sein Fazit für die Vorsorge war daher klar: Wer langfristig finanzielle Sicherheit möchte, sollte sich frühzeitig Gedanken über Eigentum, Vermögensaufbau und private Vorsorge machen.