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Wir waren vor Ort und haben kurz nach dem offiziellen Akt mit den Menschen gesprochen, die ab heute offiziell „daheim“ sind.

28 neue Staatsbürger: Zwischen Spiegelsaal und Schichtarbeit

Festliche Kleidung, feierliche Worte und ein tiefes Aufatmen: Im Spiegelsaal der Kärntner Landesregierung wurden am Mittwoch 28 neue Staatsbürgerschaftsurkunden verliehen. Doch wie sieht die Realität hinter den Kulissen aus?

von Nico Deutscher Das Bild zeigt das Profilbild von 5 Minuten-Redakteur Nico Deutscher.
5 Minuten Lesezeit(1129 Wörter)
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Es war ein sichtlich emotionaler Moment, als das Gelöbnis im Spiegelsaal vorgetragen wurde. LH Daniel Fellner sparte in seiner Festrede nicht mit großen Worten und Erinnerungen an globale Privilegien: Nur ein Bruchteil der Weltbevölkerung lebe in einer vollständigen Demokratie oder habe reines Trinkwasser. „Diese Errungenschaften sind keine Selbstverständlichkeiten“, so Fellner, der den Neu-Kärntnern zurief: „Seien Sie willkommen daheim“. Um die Stimmung im Saal aufzulockern, baute der Landeshauptmann sogar den heutigen sportlichen Erfolg in seine Ansprache ein: Er gratulierte zum frischen Sieg der österreichischen Nationalmannschaft gegen Jordanien, was für zustimmendes Nicken und Begeisterung im Publikum sorgte. Besonders berührend wurde es dann aber ganz am Schluss des offiziellen Festaktes: Als die Bundeshymne erklang, herrschte ergreifende Stille, gepaart mit dem stolzen Gefühl, ab heute ein fester Teil dieses Landes zu sein. Doch während die Politik den Rahmen schafft, schreiben die Menschen die Geschichten. Direkt nach dem Festakt, zwischen Gratulationen und dem ersten Kaffee, zeigt sich: Die neuen Staatsbürger sind längst tragende Säulen unserer Gesellschaft.

Keine Zeit zum Feiern: Direkt vom Spiegelsaal in den Job

Wer glaubt, dass nach so einem Meilenstein erst einmal tagelang die Korken knallen, täuscht sich. Für viele stand sofort wieder die Arbeit im Vordergrund: Kamall Alhabush zum Beispiel kam 2015 wegen des Krieges aus Syrien nach Österreich. Elf Jahre später hat er die Matura in der Tasche und arbeitet seit zwei Jahren erfolgreich im Außendienst einer Versicherung. Für den großen Tag im Spiegelsaal hat er sich kurz freinehmen können, doch die Pflicht ruft: „Ich habe jetzt eigentlich zwei Stunden frei gekriegt. Jetzt muss ich weiterarbeiten gehen, bis ungefähr 16 Uhr, erst danach geht es nach Hause“, erzählt Kamall lächelnd gegenüber 5 Minuten. An Österreich schätzt er vor allem: „Einfach Alles. Der Respekt, die Demokratie.“

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Kamall Alhabush kam 2015 nach Österreich, nun ist er Staatsbürger.

„Österreich ist ein Land, das funktioniert“

Die erfolgreiche Immobilienmaklerin Diana Fall, die ursprünglich aus Rumänien stammt und davor die ungarische Staatsbürgerschaft besaß, sieht den Wechsel pragmatisch und dankbar. Für sie ist Stabilität der Schlüsselfaktor: „Wirtschaftlich ist Österreich viel stabiler. Österreich ist einfach ein Land, das funktioniert“. Den harten Kriterienkatalog, bestehend aus Sprachtests, Politik- und Geschichtsprüfungen sowie dem Nachweis von ausreichendem Einkommen, findet sie absolut richtig. Feiern will sie heute Abend aber schon – natürlich mit ihrem Chef und ihrem 13-jährigen Sohn.

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Diana Fall mit ihrem Sohn.

„Wer sich nicht benimmt, gehört weg“

Besonders spannend sind die Einblicke der jüngeren Generation, die in Österreich aufgewachsen ist und das Land vollkommen als ihre einzige Heimat sieht. Der 22-jährige Friseur-Lehrling Amir Nazarpak kam als 8-Jähriger aus dem Iran nach Kärnten. An den Iran vor der Flucht kann er sich kaum noch erinnern, denn Österreich ist für ihn schlichtweg seine Heimat. Die Sprache hat er damals in der Volksschule schnell gelernt, vor allem durch den Sport: „Am Anfang war es sehr schwer für mich, mit den Leuten zu kommunizieren. Aber durch Fußball und Sport habe ich die Leute kennengelernt, mehr geredet und immer mehr gelernt“, blickt er zurück. Heute hat der junge Mann, der seine Ausbildung in einem heimischen Frisörsalon absolviert, extrem große Ziele: „Ich habe noch viele große Pläne […] Ich will unter österreichischer Flagge sehr weit kommen und definitiv eine hohe Position erreichen.“

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Amir Nazarpak kam als 8-Jähriger aus dem Iran nach Kärnten.

Der harte Weg und ein klares Wertegerüst

Dass der Weg zur Urkunde kein Spaziergang war, weiß Amir ganz genau. Während er selbst aufgrund seiner guten Schulnoten in Deutsch und Geschichte die offiziellen Tests gar nicht erst ablegen musste, sah das bei seiner Familie anders aus: „Die Eltern mussten das B1-Zertifikat machen, drei Jahre durchgehend arbeiten, Lohnzettel vorweisen und den österreichischen Test bestehen“, erzählt er. Umso mehr ärgert es ihn, wenn alle Zuwanderer über einen Kamm geschoren werden: „Heutzutage werden leider alle in einen Topf geschmissen, was ich sehr schade finde. Ich kenne viele die geflohen sind, sich integrieren, die Sprache erlernen, arbeiten oder eine Ausbildung machen und damit der Gesellschaft nicht auf der Tasche liegen.“

„Benehmen – ohne Wenn und Aber“

Angesprochen auf die ständigen, hitzigen Debatten rund um Asyl und Migration findet der frischgebackene Staatsbürger im Interview überraschend deutliche Worte, die manch einer wohl nicht von einem gebürtigen Iraner erwartet hätte: „Ich bin absolut kein radikaler Typ. Aber wer sich in Österreich nicht benehmen kann, gehört meiner Meinung nach weg. Obwohl ich auch bis vor kurzem ein Ausländer war, mag das jetzt komisch klingen, aber ich denke alle wollen in einem Land wohnen, wo es ein gutes Miteinander gibt.“ Das gelte für ihn völlig unabhängig von der Herkunft: „Wenn sich Menschen die hier her kommen, egal von wo, nicht integrieren und benehmen wollen, gehören sie einfach nicht hierher.“ Für Amir hat echte Integration ohnehin nichts mit der Religion zu tun, sondern mit Respekt und Taten: „Religion spielt für mich gar keine Rolle. Ob Islam, Christ oder Jude – der Mensch zählt und muss ein guter Mensch sein.“ Wichtig sei, die Sprache zu beherrschen und im Alltag Anstand zu zeigen: „Man muss sich hier benehmen können, egal wo. Wir Ausländer sollten uns gerade deshalb vorbildlich benehmen, damit die Österreicher sehen, dass es auch anders geht.“ Groß gefeiert wird dieser Meilenstein bei Amir übrigens erst am Samstag mit der gesamten Familie und Freunden, denn als fleißiger Lehrling muss er am Donnerstagmorgen natürlich wieder pünktlich im Friseursalon stehen.

©5 Minuten | Ebenso erklang die Nationalhymne.

Ein Herz für zwei Teams

Für die frischgebackene Staatsbürgerin Elma Agovic schließt sich mit dem heutigen Tag ein Kreis. Sie wurde bereits in Österreich geboren, die bürokratische Abmeldung in Bosnien war für sie die größte Hürde. Dass sie diesen Schritt nun gegangen ist, hat vor allem einen Grund: Ihre Kinder. „Ich finde das Land Österreich sicherer als Bosnien. Jetzt habe ich auch zwei kleine Kinder und da ist es einfach besser, wenn wir österreichische Staatsbürger sind.“ Auf die klassische Frage, zu welchem Land sie denn bei der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft halte, lacht Elma im Interview. Hier schlagen ab jetzt eben zwei Herzen in ihrer Brust: Sie hält natürlich zu Österreich, aber die Daumen werden gleichzeitig auch für Bosnien gedrückt.

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Elma Agovic (r.) wurde an diesem besonderen Tag von ihrer Familie begleitet.

Fazit: Ein Gewinn für Kärnten

Die Verleihung im Spiegelsaal hat einmal mehr gezeigt: Die Staatsbürgerschaft ist für jene Menschen kein wertloses Stück Papier oder ein reiner Formalismus, wie es LH Fellner treffend ausdrückte. Sie ist das emotionale und rechtliche Fundament für Menschen, die in Kärnten längst fleißig mit anpacken, sei es in der Versicherung, der Immobilienbranche, im Handwerk oder als Steuerzahler von morgen.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde am 17.06.2026 um 21:08 Uhr aktualisiert
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