„Etwas Schönes“: Ministerin Bauer möchte „Lust auf Familie“ machen
Die Bundesregierung rund um ÖVP, SPÖ und NEOS ist mit 3. März 2026 genau ein Jahr alt. Wir haben jene Frau zum Interview gebeten, die Familie, Europa und Integration unter einen Hut bringt: Kanzleramtsministerin Claudia Bauer.
Der Spardruck, dem die Regierung ausgesetzt ist, hat zweifelsohne auch von den Bereichen, denen Claudia Bauer (vormals Plakolm) vorsteht, seine Opfer gefordert. Die Kanzleramtsministerin hat die Agenden Familie, Europa und Integration übrig. Vor allem im Familienbereich musste man in den vergangenen zwölf Monaten finanziell an den Schrauben drehen.
Bist du mit der Regierung nach einem Jahr zufrieden?
Familienleistungen werden 2026 und 2027 nicht angepasst
Einige Familienleistungen sind im neuen Jahr nämlich nicht an die Inflation angepasst worden – darunter die Familienbeihilfe und der Kinderabsetzbetrag. Hat man mehrere Kinder, summiert sich diese Nicht-Erhöhung schnell im dreistelligen Bereich, wie Berechnungen zeigen. Alles dazu auch hier: Gleich viel und doch „weniger“: Familien verlieren teils hunderte Euro. Und: 2027 wird die Erhöhung noch einmal ausgesetzt sein. Gleichzeitig wurde Familien aber auch mehr Planbarkeit gebracht, indem man die Familienbeihilfe seit Juni 2025 an einem fixen Tag auszahlt und das spätestens bis zum Achten des Monats. Wann die Familienbeihilfe 2026 aufs Konto kommt, könnt ihr auch hier nachlesen: Ganze Liste: Familienbeihilfe wird 2026 an diesen Tagen überwiesen.
Dick-Pic-Verbot, verpflichtendes Integrationsprogramm
Im Interview mit 5 Minuten spricht sie auch die Umsetzung des Dick-Pic-Verbots und das verpflichtende Integrationsprogramm als Erfolge ihrer bisherigen Amtsperiode an. „Wer bleiben will, muss Teil werden“, so das Credo laut Bauer. Gleichzeitig stimme sie der demografische Trend nachdenklich, bekommen Österreichs Frauen laut Geburtenbilanz 2025 doch nur noch 1,29 Kinder. Das gesamte Interview mit Kanzleramtsministerin Bauer findet ihr im Folgenden.
Kanzleramtsministerin Claudia Bauer im 5 Minuten-Interview
Ein Jahr Regierungsverantwortung ist um. Ganz ad hoc: Was ist Ihnen von den ersten 365 Tagen besonders positiv, was besonders negativ in Erinnerung geblieben?
Wir sind mit einem klaren Auftrag gestartet: das Richtige für Österreich zu tun. Und wir haben eine klare Linie umgesetzt. In der Integration gilt nun: Wer bleiben will, muss Teil werden. Deutsch lernen, arbeiten, unsere Werte respektieren. Mit dem verpflichtenden Integrationsprogramm, der Werte-Charta, dem Kinderkopftuchverbot und dem Stopp des Familiennachzugs haben wir konsequent gehandelt.
Was mich nachdenklich stimmt, ist der demografische Trend. Laut Geburtenbilanz 2025 werden im Schnitt nur noch 1,29 Kinder pro Frau geboren – ein historischer Tiefstand. Das ist ein klarer Weckruf. Als Familien-, aber auch als Zivildienstministerin sehe ich, welche Auswirkungen das auf unsere sozialen Systeme, auf Pflege, Arbeitsmarkt und die Generationengerechtigkeit hat. Deshalb brauchen wir wieder mehr Mut zur Familie.
Wie kann man das Jahr aus Ihrer Sicht zusammenfassen? Was haben Sie in diesem Jahr als Ministerin in Ihrem Resort erreicht?
Unser Bundeskanzler Christian Stocker hat im vergangenen Jahr die 2-1-0-Formel ausgegeben: 2 Prozent Inflation, 1 Prozent Wachstum und 0 Toleranz gegenüber jenen, die unsere freie Gesellschaft ablehnen.
In meinem Ressort haben wir den dritten Punkt konsequent umgesetzt. Mit dem Kinderkopftuchverbot, Maßnahmen gegen Sittenwächter sowie dem Eheverbot unter 18 und dem Verbot von Cousin- und Cousinen-Ehen schützen wir Mädchen und setzen Grenzen, wo Traditionen mit unseren Gesetzen kollidieren.
Als Europaministerin war ich in allen sechs Westbalkan-Staaten zu Arbeitsbesuchen und habe damit Österreichs klare Haltung zur EU-Erweiterung unterstrichen. Wir haben diesen Ländern vor über 20 Jahren ein Versprechen gegeben. Dieses Versprechen gilt, und es ist an der Zeit, es einzulösen. Dabei stehen wir für einen leistungsbasierten Beitrittsprozess: Wer Reformen umsetzt, muss dafür auch belohnt werden. Gleichzeitig darf es keine Abkürzungen für Beitrittskandidaten geben, die noch keine ausreichenden Fortschritte vorweisen können.
Zudem ist es gelungen, eine Maßnahme umzusetzen, für die ich mich seit Jahren eingesetzt habe: Das Versenden ungewollter Dick-Pics wurde endlich ins Strafrecht aufgenommen. Denn sexuelle Belästigung ist kein Kavaliersdelikt, weder offline noch online.
Gibt es etwas, wo Sie sagen „Das hätte ich besser/anders machen können“? Falls ja, was war das und was nehmen Sie sich dadurch auch für die folgenden drei Jahre mit?
Ich verantworte ein sehr breites Ressort – von Europa über Integration bis hin zur Familienpolitik. In all diesen Bereichen stehen zentrale Zukunftsfragen für unser Land an. Der Wunsch nach schnellen Veränderungen ist verständlich. Manche Vorhaben brauchen jedoch mehr Zeit, als es auf den ersten Blick scheint, weil sie tief in bestehende Strukturen eingreifen. Was ich daraus mitnehme: klare Ziele setzen, realistisch bleiben und Reformen Schritt für Schritt konsequent umsetzen.
Was steht im kommenden Jahr an? Welche Ziele haben Sie im zweiten Regierungsjahr und generell in den kommenden Regierungsjahren?
Da liegt einiges vor uns. Auszugsweise möchte ich ein paar Schwerpunkte nennen:
Beim Zivildienst werden wir eine Reform vorlegen, die Hand in Hand mit der Weiterentwicklung des Wehrdienstes geht. Der Zivildienst ist eine tragende Säule unseres Sozial- und Gesundheitssystems und für viele junge Männer auch ein echtes Sprungbrett. Jeder dritte bleibt danach ehrenamtlich engagiert oder entscheidet sich beruflich für diesen Bereich. Künftig soll der Zivildienst einen noch stärkeren Ausbildungscharakter bekommen. Wer Dienst leistet, übernimmt Verantwortung für unsere Gesellschaft und soll am Ende auch eine anerkannte Qualifikation in der Hand haben, die am Arbeitsmarkt zählt.
In der Integration wird das verpflichtende Integrationsprogramm ab Tag 1 eingeführt. Wer Deutschkurse nicht besucht oder etwa die Integrationserklärung nicht unterschreibt, muss mit klaren Konsequenzen rechnen. Künftig wird es bundesweit einheitliche Verwaltungsstrafen geben, zusätzlich sollen Sozialleistungen gekürzt werden. Integration ist eine Bringschuld, das muss sich auch im System widerspiegeln.
Auf europäischer Ebene intensivieren sich die Verhandlungen zum Mehrjährigen Finanzrahmen 2028-2034. Hier geht es um die Frage, wofür Europa sein Geld einsetzt. Für uns ist klar: weniger Bürokratie, mehr Wettbewerbsfähigkeit, gezielte Investitionen in Innovation, Sicherheit und wirtschaftliche Stärke.
Auch der Kampf gegen den Politischen Islam bleibt ein Schwerpunkt. Radikalisierung darf in Europa keinen Platz haben. Mit der österreichischen Initiative für ein europäisches Hasspredigerregister haben wir bereits einen wichtigen Schritt gesetzt. Denn in diesem Bereich braucht es eine engere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten.
In der ZIB2 haben Sie kürzlich gesagt, junge Menschen müssten sich wieder vermehrt zutrauen, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen, ehe man über partnerschaftliche Aufteilung reden könne. Sollte es aber nicht eigentlich genau umgekehrt funktionieren? Würde nicht die Sicherheit, zu wissen, dass eine partnerschaftliche Aufteilung auch vom Gesetzgeber erwünscht ist und umgesetzt wird, gleichzeitig dafür sorgen, dass die Menschen mehr Kinder bekommen wollen?
Wir schaffen bereits klare Rahmenbedingungen. Mit Papamonat, Familienzeitbonus und flexiblen Karenzmodellen unterstützen wir eine partnerschaftliche Aufteilung. Die Zahlen zeigen, dass die Beteiligung der Väter steigt. Das zeigt: Wir sind auf einem guten Weg, auch wenn noch Luft nach oben ist.
Ich halte aber nichts davon, eine halbe-halbe-Aufteilung gesetzlich vorzuschreiben. Wir können Anreize setzen, aber nicht verordnen, wie eine Familie ihre Verantwortung zu verteilen hat. Das muss jede Familie selbst entscheiden. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass es noch mehr mutige Männer vertragen könnte, die in der Betreuung Verantwortung übernehmen.
Entscheidend ist für mich aber: Wir brauchen wieder mehr junge Menschen, die sich überhaupt zutrauen, eine Familie zu gründen. Ohne diese Grundentscheidung helfen auch die besten Modelle nichts. Damit das passiert, müssen wir vor allem wieder ein realistisches Bild von Familie zeichnen. Eines, das zur heutigen Lebensrealität passt und Lust auf Familie macht. Wir müssen Familie mit Kindern wieder stärker als etwas Schönes sichtbar machen.