ORF nach Weißmann-Rücktritt: Wie geht es für den Sender weiter?
Nach dem Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann wegen Vorwürfen sexueller Belästigung steht der Sender vor einer Neuordnung. Eine Übergangslösung steht bevor, gleichzeitig wird eine neue Spitze gewählt.
Am Anfang der Woche sorgte eine Nachricht für einen politischen und medialen Paukenschlag: ORF-Generaldirektor Roland Weißmann trat nach Vorwürfen sexueller Belästigung zurück, 5 Minuten hat berichtet. Eine Mitarbeiterin hatte entsprechende Anschuldigungen erhoben. Weißmann weist die Vorwürfe zurück, für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Nach Angaben seines Anwalts sei dem ehemaligen ORF-Chef der konkrete Sachverhalt bislang nicht übermittelt worden. Dennoch habe er sich entschieden, zurückzutreten, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Der Stiftungsrat reagierte rasch und kündigte an, die Vorwürfe transparent aufklären zu wollen. Gleichzeitig soll die Führung des ORF vorerst neu organisiert werden.
Ingrid Thurnher soll interimistisch übernehmen
Bereits am Donnerstag dürfte der ORF-Stiftungsrat eine Übergangslösung beschließen. Erwartet wird, dass Hörfunkdirektorin und ehemalige „ZiB 2“-Moderatorin Ingrid Thurnher interimistisch mit der Führung der Geschäfte betraut wird. Ganz unumstritten ist dieser Schritt allerdings nicht. Rundfunkrechtler Hans Peter Lehofer vertritt die Ansicht, dass auch eine interimistische Bestellung eigentlich ausgeschrieben werden müsste. Unabhängig davon will die Stiftungsratsspitze am bisherigen Zeitplan festhalten.
Wahl der neuen ORF-Spitze im August
Der Posten des Generaldirektors soll weiterhin im Mai ausgeschrieben werden. Die Entscheidung über die künftige ORF-Spitze ist für den 11. August geplant. Im September folgt die Wahl des gesamten Direktoriums für die neue Funktionsperiode ab 1. Jänner 2027. Bis zu seinem Rücktritt galt es als wahrscheinlich, dass Weißmann erneut kandidieren würde. Eine Wiederwahl schien aufgrund der Mehrheit von ÖVP und SPÖ im Stiftungsrat sehr realistisch. Mit seinem Abgang ist das Rennen nun jedoch völlig offen.
Mehrere Namen bereits im Gespräch
Geschäftsführer Philipp König. Auch ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer, die bereits 2021 kandidierte, wird erneut als mögliche Bewerberin gehandelt. Als weitere Namen kursieren der ehemalige ProSiebenSat.1-Manager Markus Breitenecker, der frühere ORF-Sportchef Hannes Aigelsreiter sowie der langjährige ORF-Manager Pius Strobl. In den sozialen Medien fällt immer wieder auch ein Name: Nadja Bernhard. Dass Übergangschefin Ingrid Thurnher selbst kandidiert, gilt derzeit eher als unwahrscheinlich.
Schwierige Phase für den ORF
Der Führungswechsel kommt für den öffentlich-rechtlichen Sender zu einem sensiblen Zeitpunkt. In wenigen Wochen muss der ORF den Song Contest organisieren, eines der größten TV-Events Europas. Gleichzeitig plant das von Medienminister Andreas Babler geführte Ressort im Herbst einen Medienkonvent. Dabei soll auch über eine größere Reform des ORF diskutiert werden. Politisch wurden bereits erste Forderungen laut. Babler sprach sich für eine Generaldirektorin an der Spitze des Senders aus. Die Neos fordern erneut einen unabhängigen Aufsichtsrat anstelle des politisch besetzten Stiftungsrats. Besonders die FPÖ nutzt die Situation für ihre langjährige Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der Rücktritt von Weißmann könnte die politische Debatte über die Zukunft des ORF daher weiter anheizen.