Ein Jahr nach dem Amoklauf in Graz: „Sie hatten Pläne, Hoffnungen und Träume“
Ein Jahr nach dem Amoklauf am BORG Dreierschützengasse ist die Trauer in Graz noch immer spürbar. Mit stillen Gedenkveranstaltungen und bewegenden Worten erinnert die Stadt an die 10 Menschen, die ihr Leben verloren haben.
Ein Jahr ist vergangen. Doch für viele Menschen in Österreich und vor allem in Graz ist der 10. Juni 2025 ein Datum, der sich für immer ins Gedächtnis gebrannt hat. Es ist ein Tag, der für immer bleiben wird. In Familien, in Klassenzimmern, in Erinnerungen. In einer Stadt, die damals den Atem anhielt. Beim Amoklauf am Borg wurden am BORG Dreierschützengasse 10 Menschen aus dem Leben gerissen, 11 weitere verletzt. Ein Jahr später gedenken Graz, die Schulgemeinschaft und die Bundesregierung der Opfer. Nicht laut. Nicht mit großer Bühne. Sondern in Stille.
„Wir werden euch nie vergessen“
Graz Bürgermeisterin Elke Kahr war an jenem Tag eine der Ersten, die vor Ort war. Die Schüler wurden von den Einsatzkräften in die nahegelegene Helmut-List-Halle gebracht, wo Kahr ihnen Trost spendete. Auch sie gedenkt der Opfer. Aus Respekt vor den Verstorbenen und ihren Familien verzichtet sie auf öffentliche Auftritte und trauert im Stillen. Auf ihrer Facebook-Seite schreibt sie: „Am 10. Juni 2025 ist etwas geschehen, das wir uns nie hätten vorstellen können. Ein Tag, der uns alle verändert hat. Ein Tag, der uns gezeigt hat, wie zerbrechlich das Leben ist. Wir können den Schmerz nicht wegreden. Wir können ihn nicht klein machen. Aber wir können ihn teilen. Und wir können dafür sorgen, dass aus diesem Schmerz etwas entsteht, das anderen hilft. Und das uns selbst einen Weg aufzeigt, wie man mit den Folgen einer Tat umgehen kann, für die man keine Worte finden kann. (…) Anna Bella, Hanna, Lea, Leo, Leonie, Luzia, Kaid, Pauline und Pawel sind die Namen der neun einzigartigen jungen Menschen. So wie die vorbildliche Pädagogin Dorit Wiener kann nichts sie wieder zurückbringen. Sie hatten alle Pläne, Hoffnungen und Träume. Es war und ist schwer zu ertragen, dass sie nicht mehr bei uns sind. Es gibt aber Trost zu wissen, dass sie in der Zeit, die sie hatten, geliebt worden sind. Von ihren Eltern, Geschwistern, Angehörigen, Freundinnen und Freunden. Und es gibt Trost in dem Wissen, dass sie nicht vergessen werden. Sie werden immer Teil ihrer Familien und unserer Gemeinschaft bleiben. Heute stehen wir still. Wir erinnern uns. Wir halten zusammen. Und wir sagen den Angehörigen: Ihr habt so viel Schmerz und Trauer ertragen müssen – und trotzdem blickt ihr nach vorn. Damit gebt ihr uns allen ein Beispiel.“
„Trauer innerhalb der Schule“
Auf Wunsch der Angehörigen und der Schulgemeinschaft wurde auf eine öffentliche Gedenkfeier verzichtet. Schulleiterin Liane Strohmaier erklärte dazu: „Es hat sich mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler dafür entschieden, dass sie es innerhalb der Schule belassen wollen und dass wir es im kleinen Rahmen halten.“ Der Jahrestag sollte für die Jugendlichen kein öffentlicher Termin sein, sondern ein geschützter Moment des Erinnerns. Die Blumen vor der Schule, die Kerzen im Dom und die stillen Momente in den Klassenzimmern zeigen: Die Opfer sind nicht vergessen.
Bundesregierung trauert
Auch die Bundesregierung gedachte am Mittwoch der Opfer. Im Ministerrat wurde eine Gedenkminute abgehalten. Bundeskanzler Christian Stocker fand bewegende Worte: „Auch heute gibt es keine Worte, um den Schmerz, die Fassungslosigkeit und die Trauer auszudrücken, die durch diesen Gewaltexzess eines Einzelnen angerichtet wurde.“ Was bleibe, sei das Gedenken an geliebte Menschen, „die auf so grausame Weise aus dem Leben gerissen wurden“. Seine Botschaft an die Hinterbliebenen und Betroffenen lautet: „Menschlichkeit und Mitgefühl sind unsere stärkste Antwort auf Hass und Gewalt. Heute und jeden Tag. Wir werden euch nie vergessen.“ Auch Vizekanzler Andreas Babler erinnerte an die Opfer und ihre Familien. „Ein Jahr ist vergangen, der Schmerz bleibt“, sagte er. Der Amoklauf habe sich „tief in das Gedächtnis unserer Gesellschaft eingebrannt“. Seine Gedanken seien bei den jungen Menschen und der Lehrerin, die an diesem Tag ihr Leben verloren haben, ebenso wie bei den Verletzten und Angehörigen, „deren Leben an diesem Tag eine unumkehrbare traumatische Wendung nahm“.
Erinnerungen werden wieder wach
Viele Schüler werden bis heute psychologisch begleitet. Der Jahrestag stellt für viele eine besondere Belastung dar. Die Grazer Psychologin Reinhild Wallner erklärt: „Dieses Erinnern wird natürlich Gefühle von damals wieder aktivieren.“ Trauer verlaufe bei jedem Menschen anders. Manche Betroffene würden noch immer um das Unfassbare ringen, andere hätten begonnen, Schritt für Schritt in einen neuen Alltag zurückzufinden. Traumaexpertin Heidrun Nedoma beschreibt diesen Prozess mit einem eindrucksvollen Bild: „An bestimmten Zeiten wie am Jahrestag kommen diese Züge wieder zusammen, aber unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen.“
Mehr Hilfe für Betroffene geplant
Neben dem Gedenken kündigte die Bundesregierung an, den eingeschlagenen Weg bei Prävention und Opferhilfe fortzusetzen. Dazu gehören der Ausbau von Schulpsychologie und Schulsozialarbeit, zusätzliche Angebote für psychische Gesundheit sowie strengere Regelungen im Waffenrecht, 5 Minuten hat berichtet: Nach Graz-Amoklauf und Villach-Attentat: Schmerzensgeld wird verdoppelt. Außerdem soll das Verbrechensopfergesetz reformiert werden. Geplant sind höhere Entschädigungen, mehr psychosoziale Unterstützung und erleichterte Ansprüche für besonders belastete Opfergruppen. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger betonte: „Schulen müssen ein sicherer Ort sein, damit sich Kinder und Jugendliche bestmöglich entfalten können. Unsere Sicherheit beginnt mit guter psychischer Gesundheit.“
„Inne halten und Gedenken“
Bei einer Gedenkveranstaltung im Rathaus gedachten Angehörige, Schüler, Vertreter von Stadt und Land sowie Einsatzkräfte der Opfer und aller Betroffenen. Worte des Erinnerns sprachen die Direktorin des BORG Dreierschützengasse Liane Strohmaier, der Obmann des Elternvereins, Mirza Candic, sowie Bürgermeisterin Elke Kahr. Am Gedenkort beim BORG Dreierschützengasse wurden Blumen und Kerzen niedergelegt, Religionsgemeinschaften sprachen Worte des Trostes. Im Mittelpunkt standen nicht politische Botschaften, sondern das gemeinsame Erinnern. Der Jahrestag bot Raum für Trauer, Dankbarkeit und Zusammenhalt. Graz hält inne und zeigt, dass die Opfer nicht vergessen sind. Ihre Namen, ihre Geschichten und die Lücke, die sie hinterlassen haben, bleiben Teil dieser Stadt.
Offizielles Spendenkonto
- Im letzten Jahr wurden insgesamt 300.000 Euro gespendet, um den Betroffenen der Amoktat weitere Hilfe zu ermöglichen. Das offizielle Spendenkonto ist nach wie vor aktiv:
- Empfänger: Graz – Zusammenhalten Spenden BORG Dreierschützengasse
IBAN: AT59 1400 0009 1026 0197