Österreichs Pensionisten verunsichert: „Pension ist kein Geschenk“
Es gibt derzeit in Österreich kaum ein Thema, über das so intensiv, häufig und vielfältig diskutiert wird, wie die Pensionen. Was aber halten die Betroffenen davon? Wir haben bei den Pensionistenvertretern nachgefragt.
In den vergangenen Wochen ist es gleich an mehreren Pensions-Fronten richtig rund gegangen. Da wären die Pensionsanpassungen der kommenden beiden Jahre gewesen, die jeweils unterhalb der Inflation liegen werde. Was das für das Jahr 2027 bedeutet, ist bereits bekannt. Das könnt ihr auch hier bei uns nachlesen: Pensionserhöhung 2027: Hunderte Euro mehr – Tabelle zeigt, was dich erwartet. Dann wurde zuletzt auch über einen Vorschlag von Bundeskanzler Christian Stocker ausführlich berichtet, wonach ein Staatsfonds die Pensionen absichern soll. Und schließlich wäre da noch der Dauerbrenner, den vor allem die Industriellenvereinigung und die NEOS in letzter Zeit immer öfter aufbringen. Die Erhöhung des Pensionsantrittsalters. Was die Österreicher davon halten, könnt ihr unter anderem hier nachlesen: Österreicherin zu Pensions-Diskussion: „Ich mag nimmer…“.
Was hältst du von einer Anhebung des Pensionsantrittsalters?
„Erlebe Pensionistinnen und Pensionisten als sehr interessiert, aber…“
Wir haben jetzt bei Seniorenbund und beim Pensionistenverband Österreich (PVÖ) nachgefragt, was genau die Betroffenen von all den Diskussionen halten und welche Punkte dabei die größten Sorgen bereiten. Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec meint dazu gegenüber 5 Minuten: „Ich erlebe die Pensionistinnen und Pensionisten als sehr interessiert und aufmerksam, aber natürlich auch zunehmend verunsichert. Wenn ständig über Pensionen, Einsparungen, das Pensionsantrittsalter und die Finanzierung des Systems gesprochen wird, entsteht bei vielen der Eindruck, nur als Kostenfaktor gesehen zu werden.“
„Dabei muss man eines klar sagen: Eine Pension ist kein Geschenk. Pensionistinnen und Pensionisten haben sich ihre Pension durch jahrzehntelange Arbeit und ihre Beiträge erworben. Sie erwarten zu Recht, dass auf die ältere Generation nicht ständig neue Belastungen zukommen.“
Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec auf Nachfrage von 5 Minuten
„Verunsicherung nicht nur für die Betroffenen problematisch“
Ähnlich sieht das auch die PVÖ-Präsidentin Birgit Gerstorfer. Die permanenten Diskussionen über Antrittsalter, Anpassungen und neue Belastungen würden „zu großer Verunsicherung“ bei vielen älteren Menschen führen. „Diese Verunsicherung ist aber nicht nur für die Betroffenen problematisch. Wenn Menschen zunehmend das Gefühl bekommen, dass ihre soziale Absicherung nicht mehr verlässlich ist oder bestimmte Gruppen immer wieder zur Kasse gebeten werden, leidet auch das Vertrauen in Politik und Institutionen“, so Gerstorfer auf Nachfrage von 5 Minuten. Für sie ist klar, dass das gesellschaftliche Spannungen verschärfen und zu einer stärkeren Spaltung zwischen Generationen und Bevölkerungsgruppen führen könne.
„Wer jahrzehntelang gearbeitet und Beiträge geleistet hat, muss sich darauf verlassen können, dass die Regeln Bestand haben und die eigene Lebensleistung respektiert wird.“
PVÖ-Präsidentin Birgit Gerstorfer gegenüber 5 Minuten
„Viele fragen sich ganz konkret: Welche Belastung kommt als Nächstes?“
In den vergangenen Wochen würden sich vermehrt Menschen und Betroffene bei beiden Organisationen melden. So heißt es etwa seitens des PVÖ, dass man „sehr viele Rückmeldungen aus ganz Österreich“ bekommen würde – mit einer Mischung aus Sorge und wachsendem Unmut. „Viele fragen sich ganz konkret: Welche Belastung kommt als Nächstes?“ Und auch der Seniorenbund weiß, dass die Menschen Gesprächsbedarf haben. „Gerade wenn mehrere Themen gleichzeitig diskutiert werden, steigt die Zahl der Anfragen“, so Korosec. Und: „Die Menschen wollen vor allem wissen: Was bedeutet das konkret für mich und meine Pension?“
Das ist die größte Sorge von Österreichs Pensionisten
Die größte Sorge sei laut Korosec, „dass die Pension angesichts der weiterhin hohen Lebenshaltungskosten an Kaufkraft verliert“. Das bestätigt auch Gerstorfer gegenüber 5 Minuten. „Wohnen, Energie, Lebensmittel, Gesundheit und Mobilität sind für viele ältere Menschen spürbare Ausgaben. Wenn dann gleichzeitig über eine nur teilweise Inflationsanpassung Inflationsanpassung oder weitere Belastungen gesprochen wird, bereitet das verständlicherweise Sorgen“, so Korosec. Für Gerstorfer ist in dem Punkt klar: „Pensionen müssen auch in Zukunft voll an die Inflation angepasst werden. Eine Pension ist kein Geschenk des Staates, sondern eine durch jahrzehntelange Arbeit und Beitragszahlungen erworbene Leistung.“
„Natürlich müssen wir uns ansehen, wie wir unser Pensionssystem langfristig finanzieren“
Als zweiten Punkt nennen beide die Diskussion über das Pensionsantrittsalter. Für Korosec sei jedoch eine Differenzierung nötig: „Natürlich müssen wir uns ansehen, wie wir unser Pensionssystem langfristig finanzieren und angesichts der steigenden Lebenserwartung nachhaltig gestalten. Ein pauschales ‚alle müssen länger arbeiten‘ greift aber zu kurz.“ Für sie müssen nicht das Geburtsdatum sondern die Erwerbsjahre zählen. „Entscheidend ist für mich, wie lange jemand im Berufsleben gestanden ist, unter welchen Bedingungen gearbeitet wurde und ob jemand überhaupt die Möglichkeit hat, bis zu einem höheren Alter gesund zu arbeiten und als Älterer einen Job mehr zu finden.“
Gerstorfer fordert „Bonus-Malus-System“ für Unternehmen
Für Gerstorfer greift die Debatte ebenfalls zu kurz: „Schon heute verlieren viele ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Jahre vor der Pension ihren Arbeitsplatz oder haben enorme Schwierigkeiten, noch einmal eine neue Stelle zu finden.“ Sie fordert daher „ein wirksames Bonus-Malus-System für Unternehmen“. Betriebe, die ältere Arbeitnehmer aufnehmen oder beschäftigen, sollen belohnt werden. Unternehmen, die das nicht machen, sollen einen höheren Beitrag leisten. Zusätzlich fordert Gerstorfer, dass große Vermögen, hohe Erbschaften, Banken, Konzerne und Krisengewinner ebenfalls einen Beitrag leisten müssten.
„Unser Grundsatz ist klar: Sicherheit schafft Vertrauen, soziale Gerechtigkeit hält eine Gesellschaft zusammen. Wer hingegen permanent Unsicherheit über Pensionen und soziale Absicherung erzeugt, riskiert nicht nur Angst bei den Betroffenen, sondern auch den Verlust von Vertrauen in den Staat und eine gesellschaftliche Spaltung.“
PVÖ-Präsidentin Birgit Gerstorfer