„Mitten unter uns“: Erschütterung nach dem möglichen Femizid in Villach
Der gewaltsame Tod einer 28-Jährigen in Villach schockiert die Draustadt. Frauenreferentin und Vizebürgermeisterin Gerda Sandriesser sagt zu dem Totschlag der jungen Frau einige Worte.
„Femizide passieren nicht einfach, sie sind der grausamste Auswuchs einer Gesellschaft, die wir verändern müssen. Dieser Femizid macht mich traurig und fassungslos, weil er mitten unter uns passiert ist. Während einer Veranstaltung mit Musik und in unmittelbarer Nähe zu Hunderten Menschen ist eine 28-jährige Frau durch massive Gewalteinwirkung ums Leben gekommen. Das schockiert – und zeigt zugleich, wo das Problem liegt: Gewalt gegen Frauen passiert mitten unter uns“, so fängt das Schreiben von Sandriesser an.
17. möglicher Femizid dieses Jahr
Es ist möglicherweise der 17. Femizid in Österreich in diesem Jahr. Alle Fälle haben eine erschreckende Gemeinsamkeit: Die mutmaßlichen Täter stammen aus dem nahen Umfeld der Opfer, sie waren Partner oder Expartner. Gewalt gegen Frauen ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Der gefährlichste Ort für Frauen ist vielfach das eigene Zuhause, die eigene Beziehung. „Und: Gewalt beginnt nicht erst mit dem ersten Schlag. Kontrolle, Besitzdenken, Abwertung, Eifersucht, Grenzbeitretungen und überholte Rollenbilder sind Warnsignale, die wir ernst nehmen müssen. Ein Femizid ist kein Unfall und keine entschuldbare emotionale Reaktion auf das Verhalten einer Frau. Es ist Mord“, so Sandriesser.
Gesellschaft ist gefordert
„Als Gesellschaft sind wir gefordert hinzuschauen – und zwar viel früher. Zivilcourage bedeutet, Haltung zu zeigen: Abwertende Sprüche über Frauen nicht hinzunehmen, kontrollierendes Verhalten nicht als Eifersucht zu romantisieren und einzugreifen oder Hilfe zu holen, wenn eine Situation kippt. Sie beginnt bei unseren Kindern: Buben und Mädchen müssen gleichberechtigt erzogen und dürfen nicht in überholte Rollenbilder gedrängt werden. Burschen müssen lernen, Gefühle zu zeigen, Schwäche zuzulassen und Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Mädchen dürfen nicht lernen, sich anzupassen, Konflikte zu vermeiden oder Verantwortung für das Verhalten anderer zu übernehmen“, sagt die Frauenreferentin.
„Nur Ja heißt Ja!“
Sie führt aus: „Femizide sind der Spiegel einer patriarchalen Struktur, in der wir noch immer leben. Dieses gesamtgesellschaftliche Problem können wir nur gemeinsam lösen. Dazu gehören verlässliche Schutz- und Beratungsangebote für Frauen und Mädchen ebenso wie konsequente Prävention und Gewaltschutz. Das beginnt beim Hinschauen, Beobachten und Benennen von Gewalt. Die Verschärfung des Sexualstrafrechts auf Bundesebene und die Verankerung des Grundsatzes „Nur Ja heißt Ja!“ haben wir bereits bei uns in einer Kampagne thematisiert und befürworten eine rasche Umsetzung. Wir in Villach werden weiter daran arbeiten, das Bewusstsein für Gewalt gegen Frauen zu stärken. Jeder und jede von uns trägt Verantwortung. Mein tiefes Mitgefühl gilt den Angehörigen und Freunden der getöteten Frau.“ Für den mutmaßlichen Täter gilt derzeit die Unschuldsvermutung.
Mutmaßlicher Täter spricht von Unfall
Am 28. August wurde der Tatverdächtige aufgrund einer Festnahmeanordnung der Staatsanwaltschaft Klagenfurt festgenommen. Nach seiner Einvernahme wurde er am darauffolgenden Tag in die Justizanstalt Klagenfurt eingeliefert. Über den 39-Jährigen wurde die Untersuchungshaft verhängt. Der Tatverdächtige bestreitet laut Polizei eine Tötungsabsicht. Er spricht demnach von einem Unfall.