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Wirtschaft - Kärnten
AK Präsident Günther Goach:
AK Präsident Günther Goach: "Gerade jetzt braucht es eine laute, starke Vertretung, um die Interessen der Beschäftigten zu wahren!" © Jost&Bayer

Interview zum 1. Mai:

„Nur wer Geld hat, kann es auch ausgeben“

Kärnten – Der 1. Mai, der Tag der Arbeit, ist der höchste „Feiertag“ der Arbeitnehmervertretung und ihrer gesetzlichen Interessenvertretung, der Arbeiterkammer. Wir führten mit Kärntens AK-Präsident Günther Goach ein Interview über die Bedeutung des 1. Mai, die Corona-Krise, seine Forderung rund um die Anhebung des Arbeitslosengeldes und die Zukunft für Arbeitnehmer.

 8 Minuten Lesezeit (1057 Wörter)
Herr Präsident, ist der 1. Mai nicht „retro“ und letztes Jahrhundert?

Günther Goach: Diese Einschätzung kann man nur teilen, wenn man der Meinung ist, Gerechtigkeit ist aus der Mode gekommen. Der 1. Mai, der Tag der Arbeit und „Kampftag“ der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hat 2020 an Aktualität nichts eingebüßt. Der „Kampf“ sieht heute naturgemäß anders aus als vor 100 Jahren. Dennoch stehen die Interessen der Beschäftigten auf der einen Seite, die der Unternehmen auf einer anderen – ein Sozialstaat muss darauf achten, dass diese Interessen sich auf Augenhöhe und ausbalanciert begegnen. Gerade die aktuelle Bundesregierung zeigt aber, dass oft Unternehmerinteressen im Vordergrund stehen. Da braucht es eine laute, starke Vertretung, um die Interessen der Beschäftigten zu wahren und nicht ungehört zu verhallen.

Die Arbeiterkammer widersetzt sich dem „nur neu ist gut“-Ruf, der vielerorts erhallt?

Wir adaptieren unsere Leistungen und politischen Forderungen an die Anforderungen, das sind die Bedürfnisse der Beschäftigten – was brauchen die Kärntner Arbeitnehmer – und den Zeitgeist – wie unterstützen wir sie am besten. Beides, Interessenvertretung und Service, setzen wir allerdings auf ein wohlerprobtes und gut funktionierendes Fundament, eine breite Basis der Zusammenarbeit: die Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern. Ich stelle mich dem entgegen, alles nur aus Erneuerungswut heraus zu erneuern. Bewährtes erhalten, Besseres schaffen, so lautet mein Credo.

Durch die Corona-Krise wird unser Land auf eine harte Probe gestellt …

… und – die Geschichte wiederholt sich – gerade in Krisenzeiten, zeigen die Sozialpartner-Organisationen am deutlichsten, wie ein Interessenausgleich auf Augenhöhe erfolgreich gelingen kann. Mit der Corona-Kurzarbeit haben wir Sozialpartner rasch ein erfolgreiches Modell verhandelt, dass Tausende vor der Arbeitslosigkeit bewahrt hat. Beschäftigte erhalten bis zu 90 Prozent von ihrem Netto-Gehalt. In schwierigen Zeiten ist es besonders wichtig, dass nicht nur Unternehmen wirtschaftliche Unterstützung erhalten – sondern auch die Menschen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Zwischen Gesundheit und wirtschaftlicher Notwendigkeit: Wie findet man eine Balance?

Gesundheit hat immer Vorrang! Daher mein dringender Appell an Unternehmen: Nehmen Sie die Sicherheitsempfehlungen ernst und setzen Sie die Kolleginnen und Kollegen keinen Gefahren aus! Für Risikogruppen konnten wir ja zwei wesentliche Verbesserungen erreichen. Einerseits gelten die Regelungen nun auch für die Beschäftigten in systemerhaltenden Betrieben und, besonders wichtig, wer zur Risikogruppe gehört, diese Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.

Thema Arbeitslosengeld in der Höhe von rund 55 Prozent des letzten Einkommens … Wie soll man davon leben?

Ohne treffsichere Maßnahmen bleiben unschuldige Beschäftigte auf der Strecke. Wir kämpfen dafür, dass die Netto-Ersatzrate von 55 auf 70 Prozent angehoben wird. Bei 70 Prozent nehmen Beschäftigte noch immer 30 Prozent Einbußen ihres Lohnes hin! Die Anhebung ist auch entscheidend, um die Wirtschaft am Laufen zu halten – nur wer Geld hat, kann es auch ausgeben.

Bildung und Betreuung sind wesentliche Themen in den Familien …

Klar ist, eine schrittweise Öffnung von Betrieben braucht eine Lösung für unsere Kinder: Die Betreuungssicherheit muss gewährleistet sein. Wenn Eltern arbeiten gehen müssen, müssen sie ihre Kinder gut versorgt wissen. Wir fordern Klarheit, wie das funktionieren soll. Die schrittweise Öffnung von Schulen, unter Einhaltung notwendiger Schutzaspekte, ist wichtig, um den Alltag von Kindern und Jugendlichen wieder in ruhigere Bahnen zu lenken. Bildung darf in Krisenzeiten nicht aussetzen!

Es waren viele Menschen, die Kärnten auch während des „Shut Down“ am Laufen gehalten haben – erhalten sie mehr als den sprichwörtlichen „Händedruck“?

Ein aufrichtiges Dankeschön ist in jedem Fall angebracht, aber davon kann niemand seine Familie ernähren. Als Kollektivvertrags-Verhandler erwarte ich mir nicht nur diese symbolische Geste, sondern ein finanzielles Zugeständnis bei künftigen Lohnverhandlungen. Betriebe haben Prämien angekündigt und sollen dem nun Taten folgen lassen. Diejenigen, die in der Krise am härtesten gearbeitet haben und dafür von ihren Betrieben mit Boni entlohnt werden, dürfen nicht zur Kasse gebeten werden. Diese Zahlungen müssen steuerfrei gestellt werden, damit sie eins zu eins bei den Beschäftigten ankommen.

Was bringt die Zukunft für Arbeitnehmer?

Corona hat bereits und wird weiter die Digitalisierung in der Arbeitswelt beschleunigen. Viele mussten von heute auf morgen von null auf hundert oder aus dem Probetrieb in den Vollausbau wechseln. Dabei geschieht viel learning by doing, Grundlagen oder Soft Skills bleiben dabei auf der Strecke. Beispielsweise haben sich viele die Fähigkeit, eine Videokonferenz technisch zu bedienen, angeeignet, was aber nicht bedeutet, dass die „Online-Etikette“ als selbstverständlich beherrscht wird. Wir bieten Hilfe mit der Plattform AKdigi:check, auf der Kärntner Beschäftigte digitale Fähigkeiten aufbauen und erweitern können. Auch der AK-Bildungsgutschein ist wie gewohnt für eine breite Auswahl an Kursen bei den Kärntner Volkshochschulen und dem Berufsförderungsinstitut einlösbar. Bildung ist und bleibt ein entscheidender Faktor, Bildung ist wirtschaftlicher und sozialer Rohstoff.

Wie sieht der Arbeitsmarkt in Kärnten zukünftig aus?

Ich denke, das muss unser aller – egal ob Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer, Politik oder anderer Kärntner Verantwortungsträger – vorrangigstes Thema sein: Wie geht es mit der Beschäftigung in Kärnten weiter? Aktuell ist die Kurzarbeit ein taugliches Mittel, um die Kolleginnen und Kollegen in Beschäftigung zu halten – und dann für das Wieder-Hochfahren bereit zu sein. Aber wir brauchen auch Lösungen für die aktuell knapp 40.000 Arbeitslosen, die nicht alle sofort wieder in einen Job zurückkehren werden können. Ich denke da an Projekte am zweiten Arbeitsmarkt, bei dem Arbeitslose einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen können, von denen die gesamte Gesellschaft profitiert. Die Aktion 20.000 kann und soll hier Beispiel sein. Wichtig ist, dass niemand zurückgelassen wird und entweder wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen, oder mit Schulungen am Ball bleiben kann.

Welche Unterstützungen bietet die Arbeiterkammer?

Wir sind die serviceorientierte Beratungsstelle für alle Fragen zu Arbeits- und Sozialrecht, Konsumentenschutz, Lehrlingsschutz, Steuerangelegenheiten und bieten alle unsere Services online und via telefonischer Beratung an. Niemand muss sich außer Haus begeben, um mit uns in Kontakt zu treten.

Ein Hoch dem 1. Mai – Ihre 1. Mai Botschaft?

Meine Bitte und mein Rat: Nach wie vor gilt, unterschreiben Sie nichts – informieren Sie sich vorher bei unseren Kolleginnen und Kollegen von der Arbeiterkammer Kärnten. Das gilt für alle Bereiche, in denen wir für unsere Mitglieder tätig sind.

Hinweis: Dieses Interview basiert auf dem Wissensstand vom 29. April 2020. Gesetzliche Bestimmungen zur Corona-Krise können sich laufend ändern. Alle Informationen auf dem neuesten Stand finden Sie unter kaernten.arbeiterkammer.at

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